Es war gleichfalls ein Blick gewesen, der ihn so entsetzlich niederschmetterte; es war ein Blick voll heißen Feuers, welchen der Chevalier, der sich unbeobachtet wähnte, nach Cölestine geworfen. —

Sie jedoch hatte nichts davon bemerkt; sie hatte keine Ahnung von dem, was außer dem engen Kreis, der sie in diesem Augenblick umschloß und wozu auch ihr Gemahl gehörte — im Salon vorging... sie war unschuldig an den Anschlägen, welche von zweifacher Seite gegen sie geschmiedet wurden.

Der Vermummte schien in diesem Augenblick mit sich heftig zu kämpfen, welchem von den Zweien er seine Aufmerksamkeit schärfer, beharrlicher, durchdringender, wuthvoller zuwenden sollte: Cölestinen oder dem Chevalier. Er glich einer Schlange, die zwei Opfer vor sich sieht — beide verschlingen möchte und daher mit keinem den Anfang machen will, weil sie fürchtet, das andere möchte ihr inzwischen entgehen. Ein Fieber hatte ihn ergriffen und schüttelte an seinen Gebeinen, daß diese an die Fensterwand anschlugen, wie hölzerne Klöppel... er konnte sich kaum mehr halten und drohte vor Zorn und Ohnmacht jeden Augenblick niederzusinken...

„O wäre es möglich,“ bebte es von seinen bleichen Lippen: „Wäre es kein bloßes Kindermährchen: ich würde in diesem Augenblick jenem Satan und seiner höllischen Macht gerne meine halbe Seligkeit verschreiben — — könnte ich damit nur den Elenden dort von der Erde wegblasen, oder tausend Meilen weg von hier versetzen....“

Er hatte Marsan gemeint, Marsan, der jetzt in einer Ecke saß, den Rücken gegen die Gräfin gekehrt, die er jedoch in einem Spiegel vor sich erblickte, ganz so wie ein Bild in einem Rahmen, — und von welcher er kein Auge verwandte — in deren Zügen, in deren Geberden, in deren Bewegungen und Worten (denn auch diese schien er aus der Bewegung ihrer Lippen zu errathen) er las — wie in einem Buche, mit dessen Inhalt er sich gänzlich vertraut machen wollte.

Die Gesellschaft fing endlich an sich zu zerstreuen. Alles ging nach Hause; auch Herr von Marsan verließ an Edmund’s Arme den Salon. Der Vermummte war nicht der Letzte; mit wildem Widerstreben, aber gezwungen von unerbittlicher Nothwendigkeit, hatte er, wie er gekommen war, sich fortgeschlichen. Während alle Uebrigen nach der Stadt ihren Weg nahmen, verfolgte er einen Pfad nach dem Augarten. Hier langte er noch vor der Thorsperre an — verlief sich in entfernte, waldige Partieen — warf sich im Dunkel der Gebüsche auf die Erde nieder und — verbrachte hier die Nacht.

Er hatte sie im heftigsten Fieber — im Wahnsinn von hundert Leidenschaften: in Liebe, Eifersucht, Verzweiflung, Wuth und Rachsucht hingebracht. —


„O mein Alexander!“ rief Cölestine, als sie sich in ihrem Hause mit dem geliebten Manne wieder allein fand: „So ist endlich Alles vorbei — alles Schale und Traurige vorüber — und nur die Freude ist geblieben. Wir haben uns jetzt wieder — wir können wieder glücklich sein, und was wir so lange entbehren mußten, ersetzt das gütige Schicksal in diesen Augenblicken uns in doppelter Fülle.... So komm denn, theurer Gatte, Mann meiner Wahl, komm an mein Herz — und lass’ mich wieder die Schläge des Deinigen hören.... Lass’ uns eilen, lass’ zur geheimsten und einsamsten Stätte unserer Liebe uns flüchten — und nicht eher werde sie verlassen, als bis uns eine tyrannische Gewalt von ihr wegreißt. —“ Sie bot ihm ihre Lippen dar und er hing sich daran, saugte an ihnen, wie ein Insekt an dem Kelche einer Blume. —