Eines Tages schritt der Graf wie gewöhnlich — langsamen Schrittes in dieser Richtung seinem Ziele zu. Es war ein trüber nebeliger Tag und die Morgensonne — die Zeit war 9 Uhr — kämpfte ununterbrochen mit den Wolken, welche ihr den Weg zur geliebten Erde, auf welche sie täglich niedersteigt, zu verwehren strebten. — Die Atmosphäre war schwer und drückend — kein Lüftchen regte sich, und zudem befand man sich jetzt im höchsten Sommer: es läßt sich demnach begreifen, unter welcher Last die Brust eines düstern Melancholikers wie der Graf erseufzte.... Ohnehin waren die letzteren Tage nicht so ganz voll gewesen des ungetrübten Glückes. — Grillen, Launen, Mißtrauen beschleichen eine Seele wie diese dann eben am heftigsten, wenn sich dieselbe auf dem höchsten Gipfel der Freude befindet. Indeß hatten alle diese Anfechtungen eine unbestimmte Natur — Alexander wußte nicht recht, gegen wen er eigentlich mißtrauisch sein sollte!... Am liebsten wäre er es gegen den theuersten Gegenstand seines Herzens gewesen — wenn er an diesem nur, selbst bei der schärfsten mikroskopischen Untersuchung, den geringsten Makel hätte entdecken können...
Aber so ist jene versteckt glühende, rasende, melancholische Liebe. Sie fürchtet, das Geliebte zu verlieren — und tödtet es lieber mitten im Taumel der höchsten Seligkeit, an welcher so eben Beide Theil genommen. —
Alexander ließ sich auf Gängen, wie der, welchen wir so eben berühren, von Niemanden begleiten, selbst nicht von einem Diener, und wie sehr Cölestine ihn auch bat und beschwor, von dieser Sitte abzulassen, da ihm ja so leicht einmal ein Unfall widerfahren könnte, wo er dann Niemand an seiner Seite haben würde — so ließ er doch nicht ab. Zärtlich sprach er zu ihr: „Ich bin ja nicht allein, mein theures Weib! — Begleitest doch Du mich im Geist und in der Seele überall, wo ich auch gehen oder stehen mag.“ Um dieser Zärtlichkeit willen ließ sie ihn endlich doch gewähren — — aber sie sendete, ohne daß er’s wußte, ihm zeitweise einen ihrer treuen Diener nach, der ihm in der Ferne folgen mußte. — Heute hatte sie es unterlassen. —
Wie Alexander nun hinwandelte, fing er an, immer mehr und mehr seine Schritte zu verkürzen; zuletzt blieb er stehen. Er war im tiefen Nachdenken verloren. Ohne daß er’s wußte, stand er schon länger als eine Viertelstunde auf demselben Fleck, die Arme verschränkt, den Kopf auf die Brust gesenkt. — Mit einem Male jedoch fuhr er auf — über seine trübe Miene zog, wie Sonnenschein, eine freundliche Helle, der ganze Körper strebte leicht und jugendfroh zur Höhe, die Lippen aber murmelten: „Nein! nein! — Ich will mir die Süße des Lebens nicht verbittern — durch unsinnige Betrachtungen! — Bin ich nicht glücklich — so ist es die ganze Menschheit nicht! denn wer unter allen Männern besitzt ein Weib wie Cölestine? — — — Ach!“ fuhr er fort und seine Stimme nahm den Ton tiefer Rührung an: „Vergib mir, theure Gattin! Ich habe an Dir ein Verbrechen begangen. Du bist rein wie ein Engel und gütig wie eine Heilige — und doch konnten meine Gedanken, meine tollen Einfälle Dich beflecken! — — Ich verdiene Dich nicht! Ach — und doch liebe ich Dich so sehr! —“ Und er beflügelte jetzt seine Schritte — die nicht mehr ihm zu gehören schienen, sondern einem Jüngling von sechzehn Jahren...
Er hatte jetzt einen Hohlweg, dessen obere Flächen mit Wald bewachsen waren, durchschritten — rechts neben dem Ausgange stand ein Gesträuch, an welches dann später wieder Wald gränzte. — In dem Augenblick, wo Alexander dieses Gesträuch erreichte, ganz Lust und Freude im Gemüth — — hörte er in der Nähe ein Knistern, welches aus dem Dickicht zu kommen schien. — Bald zeigte sich ihm der Kopf eines unbekannten Menschen; von der übrigen Gestalt aber war nichts zu sehen, sie war gänzlich hinter der Pflanzung verborgen. Dieses Gesicht nun, welches so plötzlich und unheimlich auftauchte, war mit einem dichten Bartwuchse bedeckt und überdies noch von einem großen Hute so stark beschattet, daß man von seinen Zügen wenig zu entdecken vermochte. Es konnte einem Bettler, einem Hirten, einem Bauer und auch einem Räuber gehören — wiewohl es der Letzteren auf dem gegenwärtigen Stück Erde nicht eben viel geben mag.
Alexander, überrascht, rief den Menschen an. — Dieser begnügte sich damit, den Grafen mit einem unbeschreiblichen Blicke zu betrachten.
„Wer bist Du und was willst Du, Bursche?“ rief Alexander zum zweiten Male, zugleich ging er fest und kalt, wie es seine Art mit sich brachte, auf ihn zu....