„Halt!“ rief dieser jetzt — „keinen Schritt weiter!.. oder Sie haben sich unnöthige Mühe gegeben und erfahren nichts, — während ich jetzt im Begriffe stehe, Ihnen eine für Sie wichtige Nachricht zu ertheilen. —“
Diese Szene paßte so ziemlich in eine komische Räuberaffaire, welche man auf den Theatern, wohl auch in der Wirklichkeit, zu sehen bekommt. Dessenungeachtet brachte sie den Grafen nicht zum Lachen; im Gegentheil seine Neugierde ward durch deren Seltsamkeit auf’s lebhafteste erregt, so daß er unwillkührlich dem Verlangen des Fremden nachgab und den Fuß nicht weiter setzte. — Aber er schärfte seinen Blick und suchte die Hülle seines Gegners zu durchdringen — woran er jedoch sogleich scheiterte, denn der Fremde bedeckte nun auch mit seinem Arme das Gesicht, gleichsam als hätte er die Absicht des Grafen errathen.
„Nun!“ rief dieser ungeduldig: „was hast Du mir zu sagen, Unbekannter! — Oder sollte das Ganze nur ein Scherz sein, den Du Dir mit mir erlaubst? — Möglich auch, daß Du nicht völlig bei Sinnen bist...“
„In der Welt, mein verehrter Herr“ antwortete der Mann mit einer tiefen Stimme: „ist Alles möglich; dieß habe ich erfahren. So ist es zum Beispiel möglich, daß ein Weib unter ihren Anbetern gerade denjenigen glücklich macht — der von diesem Glücke am allerwenigsten einen Begriff hat. Sodann ist noch folgendes möglich: dasselbe Weib, welches den Ersten vermöge einer augenblicklichen Laune wählte — entledigt sich desselben wieder, sobald jene Laune vorbei ist.... und sucht sich einen Andern, gleichfalls aus Laune.... Das Alles ist möglich, mein verehrter Herr — und dieß ist zugleich das Ganze, was ich Ihnen sagen wollte!“
Kaum verklang das letzte Wort, als der Kopf des Unbekannten verschwunden war; — man hörte nur noch folgende Worte: „Nehmen Sie sich vor einem glänzenden jungen Herrn in Acht!“ Dann knisterte es noch in den Zweigen, bald hörte auch dieß auf und Alles war still. Der Graf aber stand da, wie von einer furchtbaren Macht festgebannt — er konnte kein Glied bewegen und glich im ersten Augenblicke vollkommen einer Statue. — Endlich ermannte er sich und rief dem Verschwundenen nach: „Halt! halt! Noch ein Wort!“ — Umsonst! von diesem war längst nichts mehr zu sehen, nichts mehr zu hören.
Alexanders ganzes Wesen verfinsterte sich und schien zu erstarren. Seltsame Gedanken wütheten in seiner Seele. Was hatten jene Worte zu bedeuten? Standen sie in irgend einer Verbindung mit ihm, mit Alexander? — Das mußten sie; sonst hätte der Unbekannte sie nicht ihm zugerufen.... Aber vielleicht war es wirklich nur Scherz, vielleicht Wahnsinn! — — Ach, hatte Jener denn nicht gesagt:
„Ich stehe im Begriffe, Ihnen eine wichtige Nachricht zu ertheilen!“? —
Es war nicht länger zu zweifeln, diese Nachricht betraf das innerste Leben Alexanders — das seines Hauses und seines Glückes: seines Weibes! mußte er hinzusetzen, um sich selbst zu verstehen.
Wie der Zahn einer Hyäne nagte diese Idee an dem Herzen des Unglücklichen, der es vom jetzigen Augenblicke an auch wirklich ward. Er stürzte weg von dem Orte des Schreckens — als fürchtete er, daß aus dem Gesträuche noch mehrere solche Gedanken-Bestien auf ihn hervorbrechen könnten... er rannte in wilder Eile auf dem Wege fort: ob es der rechte war oder nicht, er wußte nichts davon, es kümmerte ihn auch wenig. —
So war er über eine Stunde gelaufen — ohne daß diese ihm länger als ein Augenblick vorgekommen wäre. Jetzt schlug er die Augen auf und fand sich in einer ihm ganz unbekannten Gegend. Doch mußte es fern von der Stadt sein, denn ihn umgab hier Wald und rauhe Wildniß. — Diese Landschaft war ihm willkommen; diese tiefe Einsamkeit that ihm noth und er eilte, von ihr Gebrauch zu machen. Er warf sich in eine Vertiefung des Bodens nieder, rings herum standen Büsche und Sträucher so dicht, daß sein Blick sie nicht zu durchdringen vermochte.... Sein Lager war jenes alte vorjährige Laub, welches um diese Zeit bereits in Fäulniß übergeht und den natürlichen Dünger des Waldes bildet. — Was kümmerte ihn das — er achtete der Feuchtigkeit und des Moderduftes nicht, welche sich unter ihm verbreiteten.... er sah sich von Insekten umschwirrt, von Kröten umhüpft — er achtete nicht darauf;... in der Nähe seines Hauptes raschelte und zischelte es im Grase — vielleicht war es eine Schlange — auch darauf achtete er nicht; ja selbst als eines jener häßlichen Thiere, die in feuchten und moderigen Plätzen wohnen, als eine graue Wasserratte bei ihm vorbeilief — durchzuckte weder Ekel noch eine andere Empfindung seinen Körper....