Er schien für die äußere Welt gänzlich erstorben — und versenkte sich nur tief und tiefer in den Feuerpfuhl, der in seiner Seele glühte...
„So ist sie also falsch?!“ sagte er, ohne zu wissen, daß dieser Gedanke sich auf seinen Lippen belebt hatte... „Sie ist treulos,“ fuhr er fort: „ich habe es ja geahnt! — Ich kann nicht glücklich sein! das hätte ich wissen und mich darnach benehmen sollen. Ach! habe ich es denn nicht gewußt — daß in dem Garten dieser Welt für mich die Rose der Liebe nicht blüht? Vielleicht blüht sie auch für keinen Andern... und vielleicht ist das, was wir Weibesliebe und Weibertreue nennen, die größte Thorheit, der größte Unsinn, der je ausgesprochen wurde..... O! ich bin hinlänglich bestraft worden für meinen Vorwitz. — Habe ich mir nicht schon einmal den scharfen Dorn in den Fuß getreten?... mußt’ ich noch ein Mal auf diesem Pfade wandeln? — Freilich jenes erste Mädchen habe ich verkannt — an ihrem Sterbebette enthüllte sich die Reinheit ihrer Seele mir! — Aber — konnte ich mich nicht auch hier getäuscht haben? — und ist vielleicht nicht gar diese Sterbende mit einer Lüge aus der Welt gegangen? — Wer will mir das bestimmen? Fälle solcher Art sind schon vorgekommen! — zu Hunderten; zu Tausenden da gewesen! — — —“
Er verstummte. Plötzlich schrie er wieder auf: „Welcher Gedanke entsteht da in meiner Seele? — Seit ungefähr vierzehn Tagen besucht jener Chevalier de Marsan, von welchem man so Fabelhaftes erzählt, mein Haus fast Tag um Tag. Seine Ruhe und Stille ist mir aufgefallen! — Sagte man mir denn nicht, dieser Mensch sei ein Phänomen im Weltleben; das Leben der Welt aber ist regsam und laut. — — O, meine vertrauende Seele, wohin hast Du mich geführt?!.. Jetzt, jetzt erst fällt mir ein, daß Marsan bis jetzt weder mit mir, noch mit meiner Frau gesprochen hat. Was fesselt ihn also so sehr an unser Haus? — Doch nicht eine fremde Person, die er hier stets antrifft?... Allein, auch das wäre möglich! — — Aber möglich! Was nützt mir dies Wort? — Möglich ist Alles. O mein Gott, ich muß Gewißheit haben. —“
„Und ist es — der Chevalier nicht, ist es vielleicht ein Anderer! denn jene Worte drückten es ja deutlich aus: Nehmen Sie sich vor einem glänzenden jungen Manne in Acht! — Aber o Gott! — könnte der Elende, der sie mir zuraunte — könnte er mich nicht betrogen, oder konnte er sich nicht auch in mir geirrt haben? — Welche Thorheit, welches Verbrechen, einem Menschen, den man nicht kennt, und welcher ganz so aussieht wie ein Schurke, zu vertrauen??........... Ach! Ach! reißt mir erst den Pfeil des Verdachts aus der Brust.... bis dahin kann ich nichts Anderes thun, als: fürchten, argwöhnen, beben, zittern und — glauben!! — —“
Erst zu später Tageszeit verließ Alexander diesen Wald und fand sich endlich mit dem Wege zurecht. Er ging nun nach Hause, in der Absicht, sich in sein Zimmer zu begeben und darin bis zum Morgen eingeschlossen zu bleiben; denn es war bereits dunkel geworden.
Für den Eifersüchtigen, für den Unglücklichen ist es eine Wollust, sich in seinen Schmerz zu vergraben — in den Wunden seiner Seele zu wühlen, und er hört damit oft nicht eher auf, als bis er unter dieser wahnsinnigen Selbstqual den Geist aushaucht.
Doch blieb Alexander nicht lange allein; man hatte ihn in das Haus treten sehen und es Cölestinen gemeldet. Diese, in qualvoller Angst wegen der Abwesenheit ihres Gatten, eilte auf den Flügeln der Liebe zu ihm — — ach, wie erschrak sie, ihn in diesem Zustande zu finden!
„O mein Gott!“ schrie sie auf und stürzte an seine Brust: „Was ist mit Dir geschehen, Alexander? — Wo bist Du gewesen? — Welcher Unfall hat Dich getroffen? — Rede, rede, um Himmelswillen, befreie mich von meiner Angst!“
Er hatte sich in einem frühern Augenblick vorgenommen, ihr Alles zu sagen; in einem nächsten faßte er den Vorsatz, ihr Nichts wissen zu lassen — d. h. ihr mit kalter Ruhe, unter welcher tiefer Abscheu lag, zu begegnen....
Jetzt, in dem gegenwärtigen Augenblicke faßte er einen dritten Entschluß: er wollte heucheln, um sie auf die Probe zu stellen!