„Weßhalb?“ — wiederholte sie: „Ach, in der That — wenn ich Dir einen Grund angeben soll, ich weiß keinen. Es ist dies eins von den neuen Kleidern, welche ich neulich bestellt habe.... Da ich den ganzen Tag über nichts Anderes zu thun hatte und um mich von den bösen Gedanken wegen Deiner Abwesenheit zu befreien, machte ich mir mit meiner Garderobe zu schaffen: ich zog ein Kleid um’s andere an — — und dachte bei mir: in welchem würde ich ihm wohl, wenn er nach Hause kommt, am besten gefallen? Da fiel meine Wahl auf dieses da — und darum stecke ich noch in demselben — wiewohl es mir sehr unbequem ist und mich hindert, Dich tausendmal zu umarmen.“

Alexander blieb nach dieser Erklärung stumm und senkte den Blick. Höllischere Argwohnsflammen hatten aus demselben heute noch nicht gezüngelt.... Er glaubte seine Frau auf einer Lüge ertappt zu haben — ihre ganze Rede schien nichts als Widersprüche zu enthalten. Denn weßhalb hatte sie früher gesagt, daß sie den Tag in Angst und Sorge zubrachte — da sie doch jetzt erklärte, sich mit ihren Kleidern unterhalten und ihrer Eitelkeit gedient zu haben. — Ferner welche erbärmliche Unwahrheit lag darin versteckt, daß sie einmal vor Schwermuth und Verlangen nach seiner Wiederkehr fast vergangen sei — und gleich darauf sich die Frage gestellt habe: in welchem Kleide sie ihm bei seiner Ankunft wohl am besten gefallen möchte?

Dieser Mann, der hier so vortrefflich philosophirt, glaubte seiner Geistesgröße nun dadurch die Krone aufzusetzen, daß er sich äußerlich von dem, was in ihm vorging, nicht das Geringste merken ließ. Von dem Augenblick, wo er gegen seine Gemahlin einen so wichtigen Beweis, wie den obigen, in Händen zu haben meinte, war er der Ueberzeugung, die Rolle, welche er zu spielen angefangen habe, sei vortrefflich gewählt, — und er werde unter ihrem Beistande dem Dinge nach und nach völlig auf den Grund kommen.

Cölestine lud ihn ein, den Abend mit ihr im Garten zuzubringen, und er willigte sogleich mit der liebevollsten Freundlichkeit ein. Er bot ihr den Arm — führte sie zuerst nach ihren Zimmern, wo sie das Salonkleid mit einem bequemeren vertauschte, dann warf sie einen Shawl um — und nun schritten sie Beide hinab in den Garten. — Sie zog ihn zuerst zu allen den Plätzen, die durch irgend eine Erinnerung an die erste Zeit ihrer Liebe geheiligt waren. Da traten sie hinein in die Lauben — in die Grotten — da setzten sie sich hin auf die Rasensitze und Blumenplätze — — überall verweilten sie einige Augenblicke — und als sie überall gewesen waren, fingen sie den süßen Erinnerungsgang wieder von Neuem an.

Ach, wie erfinderisch ist wahre Liebe! Sie weiß in einen gewöhnlichen Schritt, in einen kurzen Spaziergang Welten voll Seligkeit zu legen.... Sie weiß auf einer Scholle Erde ein Paradies erblühen zu lassen.

Das Silberlicht des Mondes ergoß sich über den ganzen Garten und tauchte jedes Blatt und jedes Steinchen in ein Meer voll stillen Zauberscheins. Einem entzückten Auge, wie dem ihren, schien die ganze Welt jetzt eine höhere, eine mehr als irdische zu sein.

Ihrem Auge? — Ja dem ihren, dem Auge Cölestinens... nicht dem seinen. Dieses sah nichts. Dieses sah nur eine gewöhnliche, schlechte, schändliche Welt. —

Nach und nach fand er, unter dem Beistand der früheren, neue Gründe, die ihn in seinem Verdachte bestärkten — er nahm sie als Beweise gegen sein Weib hin, wie er die früheren als solche genommen. — Woher, sagte er zu sich — diese Fröhlichkeit, diese lustige, diese muthwillige Fröhlichkeit? — Jedenfalls ist es das erste Mal, daß ich Cölestinen so sehe. Sie war heiter, zufrieden, wonnevoll; aber sie war noch niemals lustig und ausgelassen..... Und doch und doch! Damals gleich nach unserer Vermählung, auf dem Balle! — — Ah! ah! — habe ich das so schnell vergessen? — Aber jetzt fällt es mir dennoch wieder bei. Jetzt, jetzt, da ich es am besten brauchen kann. — — Und ich Thor ließ mich zu jener Zeit so schnell beruhigen, ließ mich von ihrer glatten Zunge beschwatzen. — Ich Thor! — Das war damals der Anfang — dieses jetzt ist die Fortsetzung.

„War Niemand zum Besuche da?“ warf er später die Frage hin und erfuhr nun, daß Edmund mit seinem Freunde dem Chevalier von Marsan sich hatten anmelden lassen.... sie, Cölestine, jedoch habe ihren Besuch nicht angenommen und ein Unwohlsein vorgeschützt. —