„Aber,“ begann jetzt Leuben: „kannst Du denn hierbei nicht die Hilfe der Deinigen in Anspruch nehmen, Edmund? — Ich bin gewiß, Dein Vater, Deine Mutter würden Dich gerne aus dieser Verlegenheit ziehen — es bedarf vielleicht nur eines offenen und zugleich reumüthigen Bekenntnisses von Deiner Seite. — Du siehst, ich rede zu Dir als Freund.“
Es hatte leicht reden, dieses edle Herz. War es ihm doch hinlänglich bewußt, daß der General für seinen Sohn in diesem Falle nichts thun würde; ja, daß er, unterrichtet von dem wüsten, unvernünftigen und unehrenhaften Treiben des Letztern — vielleicht ganz und gar seine Hand von ihm abziehen, ihn verstoßen dürfte. Der Charakter und die Grundsätze des alten Herrn bürgten dafür.
Edmund begnügte sich daher auch, statt aller Antwort — laut und mit einem gräßlichen Tone aufzulachen; sodann barg er das Gesicht in beide Hände und blieb völlig stumm.
„Und Deine Schwester?“ fing Jener wieder an. „Sollte Cölestine, welche Dich doch so zärtlich liebt und zugleich von Deiner innigen Neigung zu ihr überzeugt ist — sollte sie Dich nicht retten können?... Freilich ist sie in diesem Augenblick noch nicht Herrin ihres Vermögens — und darf über das eigene eben so wenig, wie über jenes ihres Mannes verfügen. Gleichwohl scheint es, daß es ihr im Ganzen nicht schwer werden sollte.... mehrere tausend Gulden aufzutreiben....“
„Wo denn?“ fuhr der Jüngling dazwischen. „Etwa bei Meister Lips?“
„Nein doch! — aber — ich meine — — sie besitzt ja Kostbarkeiten, Juwelen — Schmuck — —“
Edmund stieß bei diesen Worten einen tiefen, erschütternden Seufzer, der aus dem innersten Grunde der Seele kam, aus. Seine Augen wurden feucht, und als er die folgenden Worte sprach, schluchzte er wie ein Knabe: „Ach, unglückliche Schwester! Arme Cölestine! Liebevolles, heiliges Herz — — — womit, womit hast Du dies Alles verdient! — — O! Ich bin ein Frevler, ein Nichtswürdiger, ein Verräther an Dir und Deiner Liebe! — Und ich verdiene nicht mehr in Dein mitleidvolles, zärtliches Auge zu blicken! — Ja, ja! Möge es sich mir auf ewig verschließen.... möge es Einem leuchten, der dessen würdiger ist, als ich... — O, ich Elender!“ schrie er im gewaltigen Schmerze auf: „ich verachte mich! ich speie mich an!“
Nach diesen Worten schien es, als bräche sein innerstes Wesen zusammen. Er lag bewegungslos, starr wie ein Leichnam da — — und hätte nicht das schwere Stöhnen, welches er von Zeit zu Zeit hören ließ, Kunde von seinem Leben gegeben — man würde ihn haben hinaustragen können zur Bestattung. — Daher gab er auch auf die Frage, welche Leuben zuletzt an ihn that: „Und Marsan — Dein Freund, der glänzende, großmüthige Marsan? — — Weshalb vertraust Du Dich nicht ihm an?“ — keine Antwort.
— — Wir hoffen, der Charakter Edmunds von Randow ist unsern Lesern bereits deutlich genug vor Augen gestellt. — Wie aus mehrfachen Scenen, in denen wir diesem jungen Menschen begegnet sind — erhellt, haben wir es hier mit einer, aus zweien, scheinbar widerstreitenden Hälften zusammengesetzten, Natur zu thun — diese Hälften jedoch, diese scheinbaren Gegensätze — sind nichts weiter, als die zwei Theile einer aus derselben Wurzel entsprießenden Pflanze — einer Blume, die Blüthen und zugleich scharfe Dornen trägt...
Wir wollen uns sogleich weitläuftiger über diese Sache auslassen und versuchen, ein Spiegelbild jener Menschengattung zu liefern — in welcher der Krankheitsstoff unserer Zeit am entschiedensten zum Durchbruch gekommen. —