Edmund war ein leichtsinniger, ein verschwenderischer, ein nichtsthuender junger Mensch, der jedoch in gewissen Fällen der wärmsten Hingebung, der edelmüthigsten Aufopferung — und einer bis zur reinsten Liebe gesteigerten Zuneigung fähig war. — Er an und für sich war wenig... durch Denjenigen, an welchen er sich anschloß, konnte er jedoch Alles werden. Er hatte von der Natur weiter nichts mitbekommen, als ein weiches Herz und einen heitern Sinn; diese Gabe aber ist äußerst gefährlich; ohne die richtige Pflege bildet sich durch sie ein Charakter heraus, der zuerst blos gut und schwach scheint — später jedoch leichtfertig und thöricht wird. Vermöge des Ersteren hing Edmund seinen Verwandten und darunter besonders seiner Schwester mit schwärmischer Liebe an — vermöge des Letztern schloß er schnell mit Jedermann — am schnellsten mit lustigen Brüdern Bekanntschaften und Bündnisse.

Welche Resultate für sein Leben, für seine persönlichen Verhältnisse hieraus erwuchsen, ließ sich voraussehen. Da es in der menschlichen Natur liegt, mit einem Gemüthe, wie das Edmunds, dem Bösen zugänglicher zu sein als dem Guten, so war auch nichts natürlicher, als daß bei ihm der Einfluß seiner Freunde jenen seiner Verwandten nicht nur überwog — sondern in progressivem Verhältniß langsam vernichtete, dermaßen, daß Edmund zum Beispiele im gegenwärtigen Zeitpunkte — Dank dem elenden Leuben — Althing — dem alten Wollheim und dem Würger Lips, der anfangs als Freund in der Noth galt, — Dank also diesen schlechten Freunden — in diesem Augenblick auf einem schauderhaften Gipfel des Elends und der geheimen Noth stand.

Daß es das Geld ist, welches im vorliegenden Falle wieder den nervus rerum vorstellt, läßt sich leicht errathen; wann sollte dieses fluchwürdige Princip nicht das herrschende gewesen sein — — mag man auch die Bücher der Weltgeschichte, von den grauen Zeiten des Alterthums bis auf die neuesten, durchblättern.... wo war es dies nicht stets? — Fürwahr, man ist versucht, dieses Princip für dasjenige zu nehmen — von welchem die Bücher der heiligen wie die der weltlichen Weisheit als von dem bösen sprechen. — —

Wir könnten hier eine lange Expectoration einschließen — wir könnten hier mit sanften Engelsstimmen sowohl wie mit dem Brüllen des Donners reden, um unserm Satz die rechte Verständlichkeit und Kraft zu verleihen; wir könnten tausend Mal fragen: „Wo ist das Gute, welches durch den Mammon gestiftet wurde?“ — ohne daß man uns hierauf auch nur eine einzige Antwort zu geben vermöchte; — — wir könnten hinwieder fragen: „Wo ist das Böse, das durch ihn angerichtet wurde?“ und auf der ganzen Erde würde jeder Punkt rufen: „Hier! hier! hier!“

— Doch zu solchen Experimenten ist hier weder Zeit noch Raum, und so kehren wir denn wieder zu den wesentlichen Theilen unserer Darstellung zurück.

Als wir Edmund zum ersten Male sahen, fanden wir im Aeußern einen jener lustigen, ausgelassenen, dabei gutmüthigen jungen Kavaliere, an welchen in großen Städten eben kein Mangel ist. Wir hatten jedoch zu jener Zeit uns noch nicht näher um ihn bekümmert... wir hatten noch nicht nach seinen inneren Zuständen geforscht und so konnten wir leicht über ihn lachen; wir hatten noch keine Ursache, uns wegen seiner zu betrüben — denn ein Mensch kann lustig, ausgelassen und bei dem Allen doch sehr glücklich sein. Als uns Edmunds schönes Verhältniß zu Cölestine, als uns einige der edleren Eigenschaften seines Herzens bekannt wurden — mußten wir sogar für ihn eingenommen werden. — — Aber nur zu bald enthüllten sich unserem Blick alle jene düstern Einzelheiten dieses Wesens und Lebens, welche nicht mehr geeignet sind zu belustigen, sondern wodurch unsere bisherige Theilnahme dem Schreck, ja dem Ekel wich. — Wir sahen Edmund nicht mehr blos aus Leichtsinn und Unüberlegtheit sich thörichten Neigungen hingeben — sondern mit schamlosem Bewußtsein; — ja wir erblickten ihn zuletzt sogar in den Armen der nichtswürdigsten Laster.... und bald, bald werden wir mit Entsetzen vor ihm fliehen. —

Dahin jedoch mußte die Consequenz eines Treibens, wie das seinige war, ihn führen, und dahin wird Jeder kommen, der, gleich ihm, auf die Sirenentöne jener Leute hört, die sich uns im gewöhnlichen Leben häufig als unsere „besten Freunde“ bezeichnen. — Wenn wir die Liste der Kameraden Edmunds durchgehen — welche Subjecte finden wir da! Alle Sorten der Thorheit und des Lasters — von der niedrigsten Stufe bis zur schwindelndsten Höhe. Zuerst den im Ganzen unschädlichsten alten Gecken Althing, an dessen Seite er zuerst die traurige Süßigkeit des Müßiggangs und die lügnerische der Galanterie kennen lernte; sodann den albernen Jäger und Säufer Wollheim — mit dessen Hilfe er schon um einige Stufen höher stieg. — Diese zwei Leute beglückten ihn durch jahrelangen Umgang und nannten ihn in allem Ernste ihren „Schüler“, sowie er dieselben lange Zeit hindurch als seine „Meister“ anerkannte. Später sodann machte er die Bekanntschaft des Chevaliers — und diese wirkte eben wegen ihrer direkten Entgegengesetztheit am verderblichsten unter allen bisherigen auf ihn; denn durch dieselbe plötzlich in eine Sphäre gerissen, worin er sich noch niemals befunden — gerieth er in abscheuliche Verlegenheiten — denen er nur dadurch entkam, daß er seine Zuflucht zu dem allesvermögenden Götzen des Geldes nahm — ein Götze, welcher den jungen wüsten Verschwender rasch in die Klauen seines Priesters: des Meister Lips führte...

Zu Allem diesen kam noch, gleichsam als Krone des Werkes — die Verbindung mit Leuben, welche dieser seit Kurzem absichtlich und dringend suchte und auch sehr leicht gefunden hatte. — Leuben, früher ein gewöhnlicher Mensch und ein verliebter Wahnsinniger, trat ihm jetzt als der ausgemachteste Roué entgegen und führte ihn in noch tiefere und stinkendere Kloaken des Lebens — als in welchen der Thor Edmund bisher gewatet hatte.

— — So standen die Sachen und nun antworte man uns: ist hier nicht ein ursprünglich zu Gutem bestimmtes Gemüth, eine an sich reine und edle Natur untergegangen? Doch — so mächtig ist der Keim des Göttlichen in uns, daß er, und wäre er auch nur so groß wie ein Samenkorn, die hundertfachen Schichten des Lasters und des Bösen, von denen er eingeschlossen wird, und die ihn gerne ersticken möchten, dennoch durchdringt — um über ihnen, wenn auch nur auf Augenblicke zu leuchten.... den blinden Thoren sehen zu machen.

— Die gefürchtete Stunde nahte heran; je näher sie kam, je heftiger zitterte das Herz in dem Leibe des Elenden. Leuben hatte ihn verlassen .... er wollte nur kurze Zeit wegbleiben, um seinen Anzug in Ordnung zu bringen, dann wollte er, wie er sagte, wieder kommen, und aus freiem Antriebe seinen „unglücklichen lieben Freund Edmund“ mit einem Darlehen — gegen die Wuth des Meister Lips schützen. Das hatte er ihm gelobt. — Was er jedoch that, bestand in Folgendem: er verfügte sich von hier zuerst zu dem andern „lieben Freunde“ Theobald Wurmholzer, sodann — denn die Verbindungen, welche er seit einiger Zeit angeknüpft hatte, reichten weit — zu seinem dritten „lieben Freunde“ dem Meister Sophronias Lips.... und setzte diese zwei Ehrenmänner von der Gemüthslage Edmunds in Kenntniß. — Er handelte, wie man sieht, nach einem Systeme, dessen Ziele uns immer näher und immer zahlreicher vor den Blick treten — bis wir sie zuletzt als Schlußstein eines ganzen Intriguengebäudes sehen werden — welches Gebäude bestimmt ist, auf die Welt darunter zusammenzustürzen, — wenn anders nicht etwa eine mächtigere Hand noch bei Zeiten dazwischen fährt, zertrümmernd den arglistigen, verderbenschwangeren Bau.... erlösend und versöhnend die Welt, welche so lange in diesem Kerker geseufzet. —