Nach einer Pause rief Theobald aus: „Eh bien donc! — Bis zum Nachmittage — 3 Uhr will ich warten, mon coeur... bis 3 Uhr also .... Jedoch länger nicht eine Minute... fürwahr ich kann nicht! Parole d’honneur — es liegt nicht in meiner Macht.... es ist unmöglich ... c’est impossible!“
„Nun denn — um 3 Uhr holen Sie hier das Geld ab.“
„Bon, bon! — Ich werde hier sein — sans doute — ich werde erscheinen, mon très cher ami! — Also: — au revoir!“
Er reichte ihm die Hand hin — die der Unglückliche ergriff und drückte, als sei sie die Hand eines Ehrenmannes. Darauf verließ Monsieur Theobald Wurmholzer das Zimmer. —
— Kaum war er fort, als schon wieder an der Thür geklopft wurde. Dieses Klopfen erkannte Edmund — es drang ihm erschütternd durch Mark und Bein. Sogleich öffnete sich die Thür und herein trat, mit lächelndem Joko-Gesichte und der trauten Keule in der Hand, Meister Sophronias Lips, Wechsler, Antiquar, Juwelier, Hühneraugen-Operateur und Würgengel dieser guten Stadt. Er war ganz so anzuschauen, wie wir ihn sahen, als uns das unaussprechliche Glück ward, zum ersten Male mit ihm zusammenzutreffen. Da war wieder der mittelalterliche Gustav-Adolph’sche Rock, halb Frack und halb Jacke — da waren wieder die antediluvianischen Beinkleider — da die Wunderstiefeln, der eine mit Stulpen, der andere ritterlich trichterförmig mit einem Stück Sporren daran — da war auch der Hut, vulgo Pferdesattel — da die heidnische Priesterweste — — da endlich — und natürlich im vollen Glanze, die herrliche Keule, diese Königin unter den Handstützen.
„Mein Gnädigster — ich habe die Ehre, Ihnen einen vortrefflichen Tag zu wünschen... ’s ist recht kalt heute, auf Ehrenwort!“ So begrüßte der Biedermann unseren Freund, der sich bei dessen Eintritt erhoben hatte und ihm wie einem Manne von Rang entgegen ging... jedoch sprach Edmund nicht ein Wort. Um so mehr Gelegenheit hatte hierzu Meister Lips und er schien Lust zu haben, heute von dieser Gelegenheit den ausgedehntesten Gebrauch zu machen: „Nun, wie geht es Euer Gnaden?“ begann er lächelnd, mit dem Kopfe nickend und seine holde Keule schwingend: „Wie befinden Sie sich, mein Gnädiger, he? — Hoffentlich geht es Denenselben recht wohl — was mich ausnehmend freuen würde, auf Ehrenwort! — Und wie haben Dieselben geschlafen?... Wahrscheinlich gut!“
Wie schon gesagt, Edmund war, trotz dieser Zuvorkommenheit und Cordialität des Meister Lips — an Worten ein Bettler; kaum daß er ihm alle diese Fragen im Allgemeinen beantwortete; jedoch schien Lips das nicht zu beachten und fuhr fort, seine Freundlichkeit zu verdoppeln, zu verdreifachen... so daß es eine wahre Lust war, diesen, an sich so cynischen Philosophen, jetzt eine Fluth der galantesten Redensarten ausströmen zu hören.
Im Ganzen fand eine merkwürdige Aehnlichkeit zwischen Lipsens gegenwärtigem Betragen und demjenigen statt, welches Herr Theobald Wurmholzer bei seinem Eintritt in diese Stube angenommen hatte. Die Sache ist sehr einfach. Sie wiederholt sich bei jedem Gläubiger. Wenn Euch ein solcher besucht, ist er die Artigkeit und Liebenswürdigkeit selber — — kaum aber habt Ihr mit ihm einige Worte gesprochen, so wirft er rasch die Maske ab — — er will von Euch Geld haben und keine Worte — er wird ernst — grob — unverschämt — so zwar, daß Ihr, die Ihr anfangs die zärtlichsten Freunde zu sein schienet — als die bittersten Gegner, als Feinde auf Tod und Leben von einander scheidet. — — — — Eine merkwürdige psychologische Erscheinung; jedoch sehr bewährt, sehr bewährt!
Doch folgen wir ruhig dem Gange des Gespräches unserer zwei Männer und sehen wir zu, wie sich dasselbe nach und nach entwickeln wird.