Wir haben uns nicht geirrt. Jene Person auf dem Bette ist wirklich in dem bezeichneten Zustande: sie liegt nur halb entkleidet, und zwar so, daß der eine ihrer Füße (er ist mit einem Stiefel versehen) sich auf dem Bette befindet, der andere (dieser ist ohne Stiefel) neben demselben herunterhängt; die Arme sind in einer ähnlichen Positur — und der Kopf folgt jenem Arme, der über den Rand hinausragt. — Diese Person ist Edmund. —

Nicht weit von hier, an die Wand gerückt, steht ein Sopha, welches ebenfalls aussieht, als hätte man darauf z. B. getanzt. Hier liegt ein zweites Individuum im tiefsten Schlaf versunken, was durch zeitweises kräftiges Schnarchen hinlänglich bestätigt wird... auch dieses Individuum ward gestern vom Genius der Nüchternheit nicht begleitet — und was seine Gestalt betrifft, so war sie uns schon einigemal vorgekommen. Jedoch ist hier weder der edle Venusritter von Althing — noch etwa gar (das Gegentheil wäre indeß nicht so ganz unmöglich) der tapfere Graf von Wollheim gemeint.... an Herrn von Marsan ist nicht zu denken. — Eine ganz andere Person tritt hier vor unsere Erinnerung und wir fühlen uns hierbei zu den Anfangspunkten gegenwärtiger Geschichte versetzt. Kurz: der Baron von Leuben, jener bleiche, schwärmerische, wilde Jüngling, den die Vermählung Cölestinens so unglücklich gemacht hatte — steht, oder vielmehr liegt hier vor uns. — Wie aber ist er hierher gekommen? wie in diesen Zustand, der nicht sein gewöhnlicher war, gerathen? — welche innige Verbindung herrscht zwischen ihm und Edmund, da ihre Bekanntschaft in früherer Zeit doch eine ganz alltägliche, wie sie unter allen jüngern Leuten eines Standes herrscht, war? — — Geduld, alle diese Fragen sollen früher oder später beantwortet werden. Man sieht es, daß auch dieser Mensch stark betrunken ist; indeß hat sein Zustand bei ihm keine so eclatanten Symptome hervorgebracht — — entweder ist seine Natur kräftiger, wie jene Edmunds (was aber nicht scheint) — oder — —[A]

Edmund scheint den Schlaf schon vor dem Eintreten in dieses Schlafzimmer, worin indeß das Gelage nicht stattfand, — antizipirt zu haben... er befindet sich jetzt in jenem abscheulichen Zustande, wo die Dünste des Weines bereits den Kopf, die Hefen jedoch den Magen noch nicht verlassen haben. Man schläft nicht — man ist nicht mehr ohne Besinnung — aber man wird von schmachvoller Uebelkeit gequält. —

In dieser Indigestion (gleichgesinnte Jünglinge in Deutschland nennen sie: Katzenjammer) fährt Edmund auf seinem Lager, welches für ihn eine Folter ist — wüthend hin und her — er möchte Alles zerbrechen und zersprengen — er möchte die ganze Welt zerreißen, nur um aus ihr, d. h. aus sich selber herauszukommen..... Alle Augenblicke sehen wir die Lage des wackern Jünglings verändert — und haben wir früher eines seiner Beine aus dem Bette heraushängen sehen, so wird uns jetzt das Vergnügen zu Theil, beide so zu erblicken.... später will sogar der Kopf der Mutter Erde näher kommen.... kurz: ein Kaleidoskop bietet nicht so viel abwechselnde Bilder wie Edmunds Lage in dieser Stunde.

„Verflucht!“ schreit der junge Ehrenmann in einem Anfalle von Verzweiflung auf: „wird denn das ewig so währen? — Seit einer Stunde“ (seit dieser Zeit wußte er von seinem Zustande — früher hatte er in demselben blos vegetirt,) „seit einer Stunde leide ich wie ein Lazarus... und Keiner von den Spitzbuben, meinen Bedienten, kommt — mir Hilfe zu leisten.... Ah, Ah! die Schurken haben seit einiger Zeit allen Respect vor mir verloren.... Seit dieser Hund von einem Lips mich besucht — seit ich so recht wie der Herrgott in Frankreich lebe — — sind die Kerle wie verwechselt.... ja sie werden mit mir ordentlich familiär... Doch was red’ ich da? — Es gehört nicht hierher... Lieber will ich klingeln — — aber der Teufel weiß, wo die Klingel ist... und gepocht hab’ ich bereits hinlänglich, ohne etwas auszurichten.... auch das Rufen wird nichts nützen: — Johann! - Franz! — Karl! — Karl! — oder Charles!....“ brüllte er, hörte jedoch bald auf: „es ist umsonst — Oh! Oh! Uh! Buh! Auh! — — Hätt’ ich nur einen — Tropfen Sodawasser...“ setzte er ermattet hinzu.

„Und jener Kerl dort — —“ fing er später wieder an, „jener Lump von einem Freunde dort auf dem Sopha... wie der schnarcht — schläft — und sich um mich, der hier fast des Teufels wird — nicht für einen Dreier Werthes bekümmert.... Heda! Holla! — Leuben! — — Klotz, Murmelthier!... Wirst Du endlich erwachen? — — Aber das schläft — als sollte es erst zum jüngsten Tag wieder aufstehen!“ —

In diesem Augenblick brach, durch einen allzuhastigen Ruck, den unser Tugendheld that, die Bettstelle unter ihm durch — — und alsbald fühlte der Unglückliche sich mit einem Ende seines Körpers zwölf Zoll über, mit dem andern zwei Fuß unter seinem vorigen Horizont. Er schrie entsetzlich — denn abgesehen von dem Schmerze, den ihm dieser Wechselfall verursachte — wußte er im Schrecken auch nicht sogleich, was mit ihm geschah. —

Bei dem Schrei erwachte der jenseitige Tugendspiegel auf dem Sopha — streckte die Arme von sich — und stammelte auf eine Weise, als hätte er den Mund mit Brei gefüllt: „Nun, was ist denn das hier — für ein Tausend Donnerwetter! — — Was geschieht denn?“