Er hatte sich jetzt aus dem Schnee erhoben, aber seine Beinkleider waren durch und durch naß...: „O, mein Fräulein — o, geliebte Nina!“ wandte er sich mit flehender Geberde und gesenktem Haupte an diese: „Verzeihung — theures Wesen! Engel in Menschengestalt — Verzeihung für diesen Fehltritt.... welcher, bei allen Göttern! der erste meines Lebens ist. O, verkennen Sie mich nicht.... beurtheile mich nicht falsch, mein süßes Täubchen — meine Geliebte! Suche dem Dinge auf den Grund zu kommen — und Du wirst finden, daß ich — — nur in einer Art von Geistesabwesenheit dieser Dame da eine Liebeserklärung machen konnte. — Wahrhaftig — mein Kopf — mein Hirn — mein ganzes Wesen ist so sehr mit Dir beschäftigt, daß ich durch vieles Denken an Dich, wie’s scheint, mein Denkvermögen geschwächt habe... daß ich verwirrt wurde... daß ich ein Thor wurde — ein Narr — ein dummer Teufel — oder was Du sonst willst.... O! wie bereue ich das Alles! Könnt’ ich es ungeschehen machen — mein halbes Leben wollte ich drum hingeben — und bei meinen Jahren habe ich noch eine schöne Strecke Zeit vor mir! — — Oh! Oh! ich Unseliger! ich unerfahrner junger Thor!“

Die Gesellschaft konnte das Lachen nicht bezähmen — man nahm die Taschentücher zu Hilfe, um die Gesichter dahinter zu verbergen. — Althing, in seiner Consternation, nahm dieses jedoch anders: „O!“ schrie er mächtig auf: „Sie weinen — meine Verehrtesten! Weint denn heute die ganze Welt? — Es ist fürwahr ein trauriger Tag! — Und auch Nina — meine angebetete Nina weint... sie schluchzt — ihre Brust — ihre Schultern — ihr ganzer Körper schluchzt — — und ihr schönes, liebes Gesicht wird mir durch das Tuch entzogen... Doch, ja, ich habe es verdient! Ich klage mich an! Ich verabscheue, ich verachte mich! — — O!“ schrie er abermals auf — und fiel, trotz der durchnäßten Beinkleider (er trug jedoch unter ihnen dreifaches Flanell und noch überdies Watte), abermals in den Schnee: „O! mir kann niemals verziehen werden! das seh’ ich... Niemals, niemals! — Ich werde nicht mehr geliebt, mein Glück und — Alles ist dahin!“

Jetzt endlich reichte Nina ihm die Hand — und sprach hinter dem Schnupftuche hervor: „Nun denn — es sei Dir verziehen, Treuloser! Du verdienst es zwar nicht und ich sollte Dich ewig hassen — Dich fliehen — — aber, mein Herz spricht so laut zu Deinen Gunsten... daß ich nicht umhin kann...“

„Ah!“ jauchzte Althing und fuhr mit einem lebhaften Satze in die Höhe: „Du Engel! Du Engel! — Sie hat verziehen! Sie nimmt mich wieder zu sich auf.... Ach! ich wußte es wohl,“ murmelte er vor sich: „mir widersteht man nicht! — — ich bleibe allemal Sieger, Ueberwinder! — — Doch,“ sagte er zu der Gesellschaft — — „da Sie, meine Damen,“ — es war nämlich noch eine Vierte da — „Zeugen waren, sowohl von unserm Zwist als auch von unserer Versöhnung — — so werden Sie, wie ich hoffe, es mir nicht abschlagen, wenn ich Sie einlade, diesen Tag durch irgend ein frohes Fest zu verherrlichen. Ich denke, wir könnten uns, so wie wir da sind — in die Wohnung meiner geliebten Nina verfügen, und dort zusammen im fröhlichen Vereine — ein kleines Mahl mit Champagner einnehmen. Was sagen Sie dazu?“

„Angenommen, angenommen!“ erhob Nina ihre Stimme und wie ein Echo wiederholten die drei andern Huldinnen: „Angenommen! Angenommen!“ Man ging. —


Sechstes Kapitel.
Immer noch Promenade.

Noch war die Promenade der beau monde nicht zu Ende. Im Gegentheil ostentirte sie jetzt, da das bürgerliche Element sich ausgeschieden hatte, um zu Tische zu gehen — ihre interessantere, fashionablere Seite. — Sie erhob sich aus einem mechanischen und materiellen Umhertreiben — zur Conversation im Freien. Und jetzt sehen wir uns gezwungen, jene Gestalten und Charaktere, welche wir zu Anfang des vorigen Kapitels eingeführt haben, wieder herbeizurufen, da dieselben nunmehr die agirenden Hauptfiguren geworden sind...

Umgeben von einem Zirkel älterer und jüngerer Personen, worunter illustre Namen der Residenz — schreitet Herr von Marsan langsam den Wall entlang, indem er in einer Auseinandersetzung begriffen scheint, an welcher seine ganze Suite, man möchte sagen, mit Andacht theilnimmt. — Dieser Cavalier, den wir seit einiger Zeit aus dem Auge verloren haben, spielt jetzt in der höchsten Welt der Hauptstadt eine Rolle vom höchsten Range. Dies mächtige Emporkommen hat er nicht blos seinem Namen, seinem Reichthume und seinem Geiste oder seiner Schönheit zu danken — sondern vornehmlich den mehrfältigen Affairen, in die er während der letzten Zeit sich als Hauptperson zu verflechten wußte — und worunter die Angelegenheit zwischen dem Grafen A—x und Cölestine — nur eine einzelne war; denn in Bezug auf diese sprach alle Welt ihm die Initiative zu, nannte ihn die veranlassende Ursache der Trennung — und setzte hinzu: er sei noch immer der Geliebte Cölestinens, die nur um seinetwillen ihr Schicksal mit so großer Heiterkeit zu tragen wisse. — Unter seinen andern Liaisons war eine zweite von eben solchen eklatanten Folgen gewesen — nämlich sein Verhältniß zur Herzogin von S—; Marsan, von einem ihrer früheren Anbeter gefordert, schoß diesem eine Kugel so durch den Kopf, daß der letztere in hundert Stücke auseinander flog, gleich einem Apfel. — —