Der Chevalier hatte in der That, und zwar nicht nur in Wien, sein Renommée als Schrecken der Männer, wie als Abgott der Frauen, mit einem Worte als Muster eines vornehmen Mannes, eines grand seigneur von altem Schlage zu behaupten gewußt. — Wenn ihm indessen sein stolzer, vornehmer und überlegener Charakter bei seinem Geschlechte viel verdarb, so wußte er zur gelegenen Zeit durch eine Menge von Talenten Manches wieder gut zu machen — und hatte er z. B. heute einen Nebenbuhler bei der oder jener Frau besiegt, so versöhnte er ihn morgen dadurch, daß er einer andern Leidenschaft desselben schmeichelte: einen Reiter ließ er beim Wettrennen den Preis gewinnen — an einen Spieler verlor er Geld — einem Dritten ward er in dessen Carriere behilflich, so daß am Ende alle Mißtöne um ihn herum sich zur schönsten Harmonie auflösten: diese Harmonie sang sein Lob und es wiederhallte in der Welt....

Indeß würde man irren, wenn man glaubte, der Chevalier verstände nur auf diesem wenig erhabenen Felde Lorbeeren einzuerndten; — das, was er im Salon einer großen Dame war, galt er auch im Kabinet eines großen Herrn, denn seine Hilfsquellen waren unerschöpflich, und sein Charakter im Sinne der großen Welt allseitig. Er wäre als Geschäftsmann, als Staatsmann vielleicht nicht minder groß geworden, wie er es jetzt als einfacher Weltmann war — und obgleich er vorgezogen hatte, die letztere Stellung einzunehmen, so sah er doch recht gut ein, daß er dieselbe nicht werde behaupten können, ohne von Zeit zu Zeit den Arm in die andere Sphäre hinüberzustrecken oder gar einen Schritt auf das jenseitige Territorium zu thun. — Daher sagte das Gerücht nicht zu viel, welches ihn in letzterer Zeit irgend einen diplomatischen Auftrag übernehmen und deshalb so fleißig in den Häusern fremder und hiesiger Minister aus- und eingehen ließ. Dieser Auftrag mußte außerordentlich mysteriöser Natur sein, denn so viel sich die Fama der guten Gesellschaft sich auch Mühe gab, ihn zu errathen, es wollte ihr durchaus nicht gelingen.

— Ohne uns mit dem eigentlichen Inhalte der Conversation, welche im jetzigen Augenblicke zwischen Marsan und jener Gesellschaft, von der wir ihn begleitet sehen, stattfand, zu befassen, müssen wir dennoch bemerken, daß dieselbe auf doppeltem Gebiete umherstreifte, und ihn so recht in den Brennpunkt seiner gesammten Fähigkeiten — an die Spitze der Bestrebungen seines ganzen Standes stellte. Er glänzte hier mit seinem Geiste erstens als Cavalier und zweitens als Mann von Geist und politischem Einfluß — — er beschäftigte den ganzen Kreis mit den mannigfachsten Dingen — und während er diesem Herrn seine Ansicht über den Unterschied zwischen Patschuli und Moschus mittheilte — ließ er gegen jenes Mitglied des diplomatischen Corps eine feine politische Anmerkung fallen, in einer Sprache, welche kein Anderer verstand....

„Zum Henker!“ flüsterten etliche junge Attaché’s am äußersten Flügel: „dieser Mensch kann Alles.... mich dünkt, er würde sogar auf einem Seile tanzen...“

„Er wird dies nicht nöthig haben, um sich früher oder später den Hals zu brechen!“ meinte Einer, der zu den Wenigen gehörte, die Marsan sich noch nicht verbunden hatte...

Die Sache war, daß der Chevalier den Grundsatz hatte, sich auch eine gewisse Anzahl Feinde zu erhalten, da auch sie für einen Mann der großen Welt unentbehrlich sind. —

In einiger Entfernung von dem Chevalier bewegte sich eine andere Gesellschaft. Es befanden sich hier die Generalin E—z, Herr von Labers, die Gräfin Wollheim an der Seite des Fräuleins Eugenie von Bomben, dieser frommen Seele der abendländischen Christenheit.

Die Rede war von demjenigen, den man seit zwei Stunden beständig vor Augen hatte... von Herrn von Marsan. — Man erörterte so eben den traurigen Fall in des Grafen von A—x Hause, und Herr von Labers hatte ihn eine von jenen Schickungen genannt, womit die Gottheit bisweilen gute Menschen heimsucht, um ihre Kraft zu erproben und zu stählen — oder auch um sie nach dem Kampfe des Sieges um so froher werden zu lassen. — Jedermann stimmte in diese schöne Ansicht ein... nur das Stiftsfräulein lächelte still vor sich hin, indem sie die Achseln zuckte, was ihr um so leichter fiel, als diese schon von Natur schief und „nervös“ waren.

„Die Oede und Melancholie in den Häusern des Generals Randow und seiner Tochter — läßt sich durch das eifrigste Bestreben, das vorige Leben in sie herbeizuzaubern — nicht unterdrücken.... Es zieht ein schlimmer Geist durch diese Hallen, trotz aller geweihten Kerzen, die darin brennen, und die einen Tag erlügen wollen,“ — bemerkte die alte Wittwe des Feldmarschallieutenants; sie schloß mit den Worten: „Dieses Unglück hat sogar mich erschüttert — diese Trauer hat sich sogar mir mitgetheilt.“