„Still doch!“ bedeutete die Gräfin der zischelnden Schlange. „Auch,“ wandte sich die alte Dame zur Gesellschaft: „von einem Billetdoux spricht man, worin die junge Frau Herrn von Marsan ein zweites tête à tête bewilligt haben soll.“
„Und dieses Billetdoux,“ raunte Fräulein Eugenie trunken vor Freude ihrer Begleiterin zu — „fiel dem Grafen in die Hände — — er hatte jetzt ein Selbstbekenntniß — eine Selbstanklage der Verbrecherin. — Ja, einer Verbrecherin!“ fuhr die Philanthropin wild fort: „wie die Erde noch keine abscheulichere getragen hat — wie selbst Babel sie ausspeien würde — — während der saubere Frauenverein sie in ihren Schooß aufnehmen und mit dem Mantel seiner Tugendlichkeit bedecken will — welche Tugendlichkeit durch diesen Fall allein schon ihre Erklärung findet, hehe! — O! Wie bin ich gerächt! Wie hat der Himmel selbst sich zu meinem Partisan erhoben! — Bei allen Kneifzangen Nero’s! bei dem Skalpirmesser der Indianer! — ich bin mit der Gerechtigkeit des ewigen Schicksals ausgesöhnt. — Ich murre nicht ferner... ich neige mich in Demuth und werde im Stillen fort arbeiten am allgemeinen Werke der Liebe. Erst vor Kurzem habe ich wieder ein neues Surrogat für die Armenspeise erfunden; es besteht in einem Mehl, welches man aus gestoßenen Tannenzapfen gewinnt, und welches Mehl die Eigenschaft hat, daß es die Speiseröhre anschwellt; wenn Einem aber die Speiseröhre geschwollen ist, kann man nicht viel essen, man lebt daher äußerst billig....“
„Zu den schmählichen Verläumdungen, von denen wir so eben gesprochen,“ sagte Labers — „gehört auch die, welche einen neuen Beweis gegen die arme Gräfin A—x in dem Umstande sieht, daß der Chevalier von Marsan seit der Abwesenheit ihres Gemahls ihr Haus nicht mehr besucht. Diese so natürliche Thatsache — diese Delikatesse von Seiten Marsans legt man demselben als eine abscheuliche Absichtlichkeit aus, als wollte er den Gerüchten keine neue Nahrung geben.“
„Es ist wahr,“ murmelte die Stiftsdame: „daß er sie am Tage nicht besucht, das wäre auch sehr albern.... sie kommen zur Nachtzeit zusammen, halten ihre Bacchanalien unter dem Schleier der Mitternacht — und das scheint mir weit vernünftiger.... hehe! —“
In diesem Augenblick stieß man durch ein Ungefähr, welches Marsan und seine Gesellschaft zwang, stillzustehen, mit der letzteren zusammen und machte den ferneren Weg an ihrer Seite, wobei sich nun nichts mehr zutrug, was irgend verdiente, hier aufgezeichnet zu werden. —
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Wie wir wissen, hatte Althing jenen vier Damen, mit welchen wir ihn in einer „hohlen Gasse“ getroffen haben, zu einer Mahlzeit eingeladen, die bei der Gebieterin seines Herzens (Keiner glaubte er noch so tief in’s Herz gewachsen zu sein!) statt finden sollte. Ferner wissen wir, daß er sich mit ihnen sofort auf den Weg begeben habe. — O, es war ein hitziger Kerl, dieser Althing! Er hatte Temperament und Feuer für Zehn! — — Nach mannigfachen Krümmungen durch enge Gäßchen und Durchgänge gelangte man endlich auf’s Salzgries — denn hier wohnte die Dulcinea des Ritters. Als echte Dulcinea wohnte sie dem Himmel näher als der Erde; — — Althings Geliebten hatten überhaupt alle diese Eigenthümlichkeit. — Sie wohnten sämmtlich nicht unter sechs Treppen. — Aber wem, der je ein glühendes Jünglingsherz im Busen trug — sind sechs Treppen mehr als eine Kleinigkeit gewesen — über welche er hinwegeilte, während man kaum zwei Schnippchen schlug? — Daher kommt es auch, daß unser Mann seit den drei Tagen, da er seine holde Nina die Seine nannte — mindestens schon vierzig Mal diese allerliebsten sechs Treppen auf und ab gelaufen war. —
Er bewies dies auch jetzt. Ehe man sich’s versah, war er oben — — die vier Schönen keuchten ihm mühsam nach, hatten es ihm jedoch nur bis zum zweiten Treppenabsatze nachthun können. —
Fräulein Nina’s Wohnung bestand in zwei Zimmern und einer Art Küche, die zugleich als Vorzimmer diente. Wir sagen zwei Zimmer — weil wir uns gerne nach dem Sprachgebrauche der Personen richten, mit welchen wir zu thun haben, und Fräulein Nina sprach stets von ihren „zwei Zimmern.“ Wer aber war dieses Fräulein? Hierher paßt dasjenige, was ein trefflicher französischer Novellist der neuesten Zeit, Charles de Bernard in einem seiner Werke[C] über jene Gattung Menschen in Paris sagt, die man dort die problematischen Existenzen nennt.