Es war heute gerade Mittwoch, und der Pfarrer bezeugte darüber eine große Freude, „denn,“ sagte er zu seiner kleinen Heerde — „der morgige Tag, als ein Donnerstag, ist zur Bannung des bösen Geistes, welcher, wie klar am Tage liegt, in diesem Hause einen Hauptstapelplatz besitzt, außerordentlich günstig.“ Am Donnerstag war der Graf früh Morgens im Weiler angekommen, und nachdem er sein Pferd in einem Nachbarhause eingestellt hatte, verfügte er sich nach der Wohnung der zwei Frauen; die Verschwornen, oder besser, die Alliirten säumten nicht, auf Umwegen ihm rasch zu folgen, und nahmen, indem sie hinten über eine Gartenmauer setzten, von dem Hause in so weit Besitz, als sie nur mehr in die Stube einzudringen brauchten. Sie zögerten jedoch mit diesem letzten Schritt — denn der Pfarrer wollte den Teufel zuvörderst behorchen — um zu sehen, was es für ein Teufel wäre und wieviel Gesellen er bei sich habe... Se. Hochwürden steckten sich daher in’s Ofenloch und — — vernahmen, sahen auch durch eine Ritze wunderliche Dinge.

In einer kleinen Stube, deren Fenster mit Vorhängen aus grüner Sersche verhangen und außerdem auch noch durch Blumenranken verstellt waren — — die Einrichtung hier deutete auf kein Bauernhaus, sondern athmete bürgerlichen Wohlstand — — stand ein großes Bette mit dem weißesten Linnenzeug überzogen, darin lag eine kranke Frau. Neben ihrem Kopfe saß ein junges Mädchen von seltener Anmuth, nicht über 15 Jahre alt — und zu den Füßen des Bettes saß der Graf. — Auf dem Gesichte der Kranken wechselte ein lebhaftes Mienenspiel, welches demselben bald den Ausdruck ungeheuren Schmerzes — und gleich darauf wieder jenen sanfter Ergebung, inniger Rührung ertheilte. In diesem Augenblick schien der letztere Ausdruck auf längere Zeit den Sieg davon tragen zu wollen; die kranke Frau — sie mochte nicht viel über 30 Jahre alt sein — stieß einen langen Seufzer aus, richtete das zuvor flammende Auge mit unendlicher Milde auf Alexander und sprach mit einer Stimme, die aus innerstem Herzen zu kommen schien: „So sind Sie also gekommen!... So haben Sie also der armen niedern Frau, die Sie einst durch Ihre Liebe so glücklich machten, nicht vergessen, Herr Graf?“

Hier schwieg sie ermattet und faltete die Hände, als wollte sie ihm damit jenen Dank ausdrücken, welchen zu stammeln ihre Lippe zu schwach war.

„Nein, nein!“ antwortete Alexander bewegt und düster sie anblickend — „ich habe Ihrer nicht vergessen — Margaretha... Ich habe nicht vergessen, wie Sie mich liebten, als ich im wüsten Jugendtaumel ein reines und treues Herz noch nicht schätzen gelernt hatte.... Jetzt ist es anders geworden....“ setzte er leise vor sich hinzu: „O!“ sagte er mit gebrochenem Tone: „Wie haben Sie mich geliebt! Und wie habe ich es Ihnen vergolten!“ Nach diesen Worten sank sein Haupt auf die Brust herab, welche heftig athmend einen schweren Kampf zu bestehen schien....

„Ja,“ entgegnete sie — „ich habe Sie so geliebt, Herr Graf — daß ich um Ihretwillen elend, entsetzlich elend geworden bin.... die unheilbare Krankheit, an der ich leide, hat bereits mein Lebensmark aufgezehrt — — und bald — bald....“ Sie wollte fortfahren, hatte jedoch hierzu nicht mehr die Kraft.

Mittlerweile erfüllte das Schluchzen des Mädchens das Gemach und Alexander reichte ihr die eine, ihrer Mutter die andere Hand, so daß Geliebte und Tochter von ihm gehalten wurden.

Denn so verhielt es sich in der That. Alexandrine, dies der Name des Mädchens — war sein Kind; ihre Mutter hatte vor sechzehn Jahren zu jenen Unglücklichen gehört, die sich damals den schmeichelnden Lockungen und der rohen Gewalt des Wüstlings ergeben hatten, bei jenen Orgien, welche er mit einem Trupp ähnlich gesinnter Freunde feierte.... Der Unterschied zwischen ihr und den andern Opfern seiner wilden Begierden war der — daß sie unglücklich genug war, eine wahre Leidenschaft für ihren Verführer zu fassen, durch welche sie, nachdem sie lange mit ihr gekämpft und sie in ihrem späteren ehelichen Verhältniß auch zum Scheine bezwungen hatte — zuletzt in jene schreckliche Krankheit fiel, die jetzt an ihrem letzten Lebensmark zehrte. —

„Sie wollten vorhin noch etwas sagen — liebe Margarethe!“ erinnerte nach einer Weile der Graf: „Reden Sie! Häufen Sie Anklage auf Anklage über mein Haupt... führen Sie Verbrechen auf Verbrechen an, die ich an Ihnen begangen habe, als ich noch der Thor war, zu glauben, die Welt sei nur da, mir das, was ich damals Freude und Lust nannte, zu bereiten. — O beginnen Sie! Scheuen Sie sich nicht — ich werde Alles geduldig anhören... und meine Reue wird Ihrem Zorne, Ihrem Unglück gleich sein...“

„Nein —“ sagte Margarethe: „glauben Sie ja nicht — daß ich Ihnen zürne!... Ich würde Sie ja dann nie geliebt haben, Herr Graf! — — Ach, ich schelte Sie nicht — ich habe Sie niemals gescholten, daß Sie ein armes Mädchen verließen — Sie, ein großer Herr. Was sollten, was konnten Sie denn anders thun.... früher oder später mußte es doch geschehen. Wer hieß mich eine so maßlose Liebe für Sie fassen... der so hoch über mir steht und sich nur auf einen Augenblick zu mir herunterneigen konnte... Waren Sie denn nicht ehrlich genug an jenem Abend, da Sie mich zum ersten Male — in Ihr Schloß brachten — und Ihren Freunden zeigten — ausrufend: „das kleine Ding da sagt, sie liebe mich und wolle nicht, daß ich auch noch Andern gut sei.... das Närrchen — das thörichte Landkind... Sie macht mich lachen!...“ Hatte ich beim Anhören dieser Worte denn nöthig, Ihnen noch weiter zu folgen? — Und doch folgte ich, und doch kam ich noch so oft selbst und zog Sie noch so oft an meine Brust.... Ich kann,“ schloß die Frau, „Ihnen nichts aufbürden, Herr Graf.... Ich kann nur über mein Schicksal weinen.... Dieses allein hat mich dahin gebracht, wo ich jetzt stehe, nicht Sie.“