Die Rede hatte Margarethe so angegriffen, daß sie nach den letzten Worten in eine Art Lethargie verfiel — worin sie ein leibhaftes Bild des Todes vorstellte.
Alexander verhüllte sich das Gesicht mit beiden Händen — das Mädchen aber warf sich auf ihre Mutter hin, umklammerte sie mit beiden Händen und schrie angstvoll: „Mutter! Mutter! — liebe gute Mutter.... fasse Dich.... stirb mir nicht.... der Herr Graf ist ja hier! Du siehst ihn ja vor Dir stehen.... und sagtest Du nicht stets: „Ach, wenn nur er kommen möchte! Wenn er nur da wäre! Wenn ich ihn nur noch ein Mal mit meinen Augen sehen könnte... denn er ist Dein Vater und ich habe Dich ihm geboren!...“ Das sagtest Du so oft, gute Mutter — und setztest hinzu — — „dann, dann würde ich wieder ruhig — dann sollte meine Seele zufrieden und mein Leib gesund werden!“ Und — nun da er hier ist, er, den ich so gern Vater nenne, weil er so gut gegen mich und Dich ist... nun, meine arme Mutter, hältst Du Dein Versprechen nicht.... nun wirst Du mir wieder unglücklich, krank und elend! — — O mein Gott! mein Gott — erbarme Dich unser!“ So jammerte dieses zarte, unschuldige Geschöpf, dessen Miene der Ausdruck frommer, inniger Herzensgüte war und dessen Stimme so hold und rein klang, daß man sie tief gerührt hörte. — In der That schien diese holde Stimme auch wunderbar auf die Kranke zu wirken — sie regte sich wieder und begann nach einer Weile in eine Art von Clairvoyance zu fallen: „Kommt doch her und seht mich an —“ sprach sie — „wie schön ich bin, wie gut ich es habe! Mich liebt ein junger schmucker Graf... Er hat es mir tausend Mal sagen wollen.... aber er schwieg immer.... weil er mich damit zu erzürnen fürchtete....! — — Oh, er weiß aber auch, daß ich ihn liebe.... Nein, nein! er weiß nichts, gar nichts! — — Er hat keine Ahnung davon! — Und ich — ich will es ihm auch nicht früher sagen, als um Mitternacht.... wenn wir schlafen .... dann will ich ihn aufwecken und flüstern: — — Schäme Dich, schmucker Edelmann — — Ich bin blos eine Bauerndirne — und Du gibst Dich mit mir ab. — Oder nein — Du magst mich nicht — und ich laufe Dir nach.... Hahaha! — — Mit Hunden solltest Du mich vertreiben lassen — denn ich belästige Dich in Deinem goldnen Schlosse.... und Deine Ahnen, die grinsen auf mich herab und sprechen: Was will die unter uns? — Gehört sie denn hierher? — Mag sie dahin gehen, woher sie kam.... von den Mägden! — Ah! Ah! das ist recht! das ist gut! — Es geschieht ihr, wie sie es verdient. — Fort mit ihr! Hinaus aus dem Schlosse! Hinaus aus dem Dorfe! Einen Mühlstein um den Hals — und in’s Wasser mit ihr, der schändlichen Dirne! — —“
Dieser Irrsinn artete jedoch keineswegs aus; er hatte keine Gewaltthätigkeiten im Gefolge, wie er denn auch erst seit Kurzem sich bei der Kranken einstellte, jedoch mit immer größerer Intensität. —
Endlich nach einer viertelstündigen Dauer hörte dieser trostlose Zustand auf und die Spuren des Paroxysmus schwanden allgemach dahin — — der allmächtigen Rückkehr jener Milde und stillen Zufriedenheit Platz machend, welche eine Folge der Gegenwart Alexanders zu sein schienen... Nach einem innigen, seelenvollen Blick, den sie lange auf ihm verweilen ließ — redete die arme Margaretha wieder: „O — er ist noch immer da.... Er geht, er verläßt mich nicht! Er spottet nicht über mich... es ekelt ihm nicht vor mir! O, wie gut ist er!... und ich, ich habe ihn so verkannt.... Ich, so geringe Ansprüche ich an ihn auch hatte und so wenig ich auch hoffen durfte, daß sie durch ihn erfüllt würden — (denn am Ende hat er ja doch Alles gethan, was er mir schuldig war: indem er für unsere Zukunft sorgte) — — ich sehe jetzt dennoch Alles über die Maßen erfüllt! — Er ist hier! Er kommt täglich an meine Lagerstätte...“
Sie schwieg. Augenscheinlich schien die Quelle ihres Lebens schon gänzlich verrinnen zu wollen; man hörte ihr Rauschen von Stunde zu Stunde weniger. Vor mehreren Monaten konnte Margaretha noch frei in der Stube umhergehen — jetzt seit langer Zeit hatte sie das Bett nicht mehr verlassen — und nur die Intervalle ihres Leidens, nicht aber das Wesen desselben, waren seit Alexanders Besuchen ein wenig milder geworden. —
„Ich weiß,“ sagte sie nach einer Weile, wobei sie in den Armen ihres Kindes lag: „daß diese Stube und meine Nähe kein Aufenthalt für Dich ist — theurer Alexander. Das, was der Schmerz und meine Traurigkeit mich zu Zeiten ausstoßen ließ, sollte Dir ewig verborgen bleiben. Es ist nicht gut — wenn ein Kind die Vergehungen ihrer Mutter aus dem eigenen Munde derselben hört — ihre Schande mit eigenen Augen sieht — es ist kummervoll und wenig lehrreich für sie. — Aber,“ setzte sie darauf weinend hinzu: „vielleicht ist es eben gut und nützlich! — Du hast an mir ein Beispiel, meine Tochter, — dem Du nicht nachahmen wirst! —“
„O,“ dachte Alexander bei sich, dessen Herz blutete, — „ich habe dieses Alles verdient! — Die Strafe, welche ich in diesem Augenblick erleide — ist schwer, aber gerecht. — — Mein Uebermuth, meine wilde Begierde hat hier zwei Seelen zu Grunde gerichtet — — denn was war das Leben von Mutter und Tochter? Eine Kette von Schmerz! — — — — Ach, ach!“ versank er immer tiefer in den Abgrund seiner Selbstanklagen: „und erst jetzt denke ich daran! Jetzt, nach 12 Jahren.... nachdem es längst zu spät — nachdem eines dieser Herzen gebrochen ist.... denn bald, bald wird es ausgepocht haben! Jetzt erst nahe ich mich ihm — und will ihm Rettung bringen... So wäre ich niemals hierher geführt worden, wenn mich nicht das eigene Unglück hierher geführt hätte! — So mußte ich selbst erst betrogen und verlassen werden, um zu begreifen, wie entsetzlich das schmerzt?! — Ja, ja, arme Märtyrin der Treue, die Du da vor mir liegst — ich habe es jetzt selbst kennen gelernt — wie bitter die Täuschungen, wie tödtlich die Leiden der Liebe sind. — O, um aller Seligkeit willen möchte ich kein Herz mehr kränken, das mich geliebt hat — eher wollte ich sterben, als noch einmal falsch lieben! — — Falsche Liebe! — Teufel in Heiligengestalt, du küssest unser Herz, um mit unsichtbarem Vampyrrüssel das Blut aus demselben zu saugen!... Falsche Liebe — ewige Paradiesesschlange! die du seit Jahrtausenden die Menschheit verlockest — ihr süßes Glück versprichst und ewigen Tod sendest. — — — — O, mich faßt fürwahr der Glaube, daß wahre Liebe gar nicht lebe. Sie ist ein Hirngespinnst, ein Traum der Dichter! — Noch nie hat es eine glückliche Liebe gegeben .... mir ist keine bekannt. Entweder betrog er sie — oder sie betrog ihn. Das ist das Ende vom Liede. — Wer etwas Besseres über die Sache zu sagen weiß, der komme hierher und rede... er soll an mir einen aufmerksamen Zuhörer finden — aber glauben, glauben werde ich ihm nicht, bis er mir Beweise bringt; handgreifliche Beweise. — O, der Prinz von Dänemark hat Recht: „Wir sind Alle geborne Schurken!“ — Dies ist der größte Lehrsatz in Poesie und Geschichte....“
Er war bei seinem Monolog unwillkührlich laut geworden und Mutter wie Tochter hörten seiner Rede mit Verwunderung zu. Da wandte er sich an Alexandrine, ergriff das liebliche junge Wesen an beiden Händen und zog es zu sich an seine Brust — dann legte er eine seiner Hände auf ihr Haupt, sah ihr ernst und schwermüthig in’s rosige Angesicht und sprach:
„Vertraue keinem Manne, wenn Du groß sein wirst... und fliehe Jeden, der Dir von Liebe sprechen will. Denn sei gewiß, er will Dich betrügen! — Achte auf meine Worte, holdes Kind, und präge sie Deinem jungen Gedächtnisse ein. Vielleicht verstehst Du ihren Sinn noch nicht ganz.... O möchte er Dir nie durch die Erfahrung deutlich werden!“ Jetzt verstummte er und ergab sich den zärtlichsten Liebkosungen, die er im Uebermaße an das Mädchen verschwendete, und wobei die Thränen dieses sonst so festen Mannes rannen, als hätte er damit alle Flecken der Geburt von Alexandrinen abwaschen wollen.