„Nie hätte ich gedacht,“ flüsterte er ihr zu: „ein so liebes Kind — ein so holdes Töchterchen zu besitzen! — Ach, ach, Dein Vater hatte Dich gänzlich vergessen — arme Kleine.... nur einmal im Jahre, wenn er Euch seine karge Unterstützung auf’s Schloß sendete, erinnerte er sich während eines Momentes, daß Ihr noch lebt. — Aber wie geschah das? — So erinnert der große Herr sich seines Knechtes, seiner Magd — seines Hundes. Er weiß blos, daß er ihnen zu essen geben muß; im Uebrigen hat er keine Gedanken für sie. — — O Schmach! O Schande! und auf diese Weise wurdet Ihr von mir behandelt.... Ihr, die Ihr zwei Engel seid, für welche diese Erde zu schlecht, zu niedrig ist. Ach, erst jetzt bin ich fähig, Euern Werth zu schätzen — da ich sehe, daß Ihr das seit 13 Jahren in Geduld traget, unter dessen Last ich seit etlichen Wochen schon fast zusammengebrochen bin — O, meine Tochter, noch ein Mal! Liebe keinen Menschen! — Niemand ist Deiner würdig... denn Du bist das Ebenbild Deiner Mutter, an Leib wie an Seele. — Liebe niemals! — Es gibt keine Liebe! — —“
„— — Und was ist denn das Gefühl,“ fragte er sich rasch: „welches Margarethe einst mir — — und ich Cölestinen gewidmet? — Ist dies denn nicht Liebe? — — — — O! O!“ stöhnte er: „Man könnte wahnsinnig werden, wenn man lange nachdenkt! — Eine schreckliche Verwirrung entsteht in unserm Gehirne, wenn es über diesen Punkt grübelt. Tausend Fälle verneinen — zwei bejahen das Dasein der Liebe... Also lebt Liebe doch!“ rief er mit einem Male aus: „Ja, sie lebt! — — — — Aber ich, ich werde sie nimmer mehr finden!“
Er blieb noch mehrere Stunden bei den Frauen. Die Kranke sprach nur wenig und die ganze Thätigkeit des jungen Mädchens schien sich auf Weinen und stilles Wehklagen zu beschränken .... denn dieses Kind hatte eine Vorahnung von der baldigen Auflösung ihrer Mutter. Alles Zureden, alle Trostsprüche, alle Liebkosungen des Grafen konnten sie nicht beruhigen — — indeß die Kranke selbst den Tod nicht zu fürchten schien, da sie ja, wie sie sich mit erschütternder Wonne ausdrückte: „in den Armen ihres wiedergefundenen Freundes und Herrn sterben werde!“ —
Ein stiller Trübsinn lagerte sich zuletzt über Alexanders ganzes Wesen — weit tiefer, als jener, der ihm angeboren war und mit welchem er sich seit so vielen Jahren umhertrug. — So, in dieser Stimmung nahm er Abschied von der Kranken, indem er versprach, morgen früher als sonst wiederzukommen und nicht eher zu scheiden, als zu dieser gegenwärtigen Stunde. —
Alexandrine begleitete ihn über die Schwelle des Hauses, wo er sie auf die Arme nahm und lange, lange, so fest und warm an seine Brust drückte, als wollte er sie nicht wieder fortlassen .... nachdem er ihr noch einen Kuß auf die weiße Stirne gegeben.... entfernte er sich mit raschen Schritten durch das Gärtchen, von dessen Thür er den Schlüssel hatte....
Kaum war er auf freiem Felde angelangt — als eine Bande fremder Kerle, wovon Einige Pechfackeln, Andere Stöcke und Prügel in der Hand trugen, ihm entgegen stürzten, drei bis vier sprangen heraus wie Tieger, und sich an seinen Arm, an seinen ganzen Körper hängend, rissen sie ihn zu Boden, legten ihn platt auf die Erde, mit dem Gesichte gegen den Himmel gekehrt, der diesmal voller Sterne war.
Darauf trat einer, schwarz wie ein Schornsteinfeger aussehend, vor ihn hin — fing an in lateinischer Sprache zu singen, zu schreien und zu heulen... ging und lief rund herum — goß ihm eine Menge Wassers auf den Kopf — und räucherte mit allen möglichen wohl und übel riechenden Spezereien dazu — darauf badete er ihm noch einmal das Gesicht — und zuletzt warf er eine Decke über ihn, die den unglücklichen Grafen ganz einhüllte. — Er sah nichts mehr — aber bald fühlte er um so mehr: nämlich fürchterliche Prügel, die es von Außen hageldicht auf ihn regnete.... Alles dieses unter einem betäubenden, wüthenden Geschrei der ganzen Bande und dem Kommandoruf des Schwarzen.... Nur der außergewöhnlichen Körperkraft Alexanders konnte es gelingen, sich in Kurzem aufzuraffen und dem Todtschlag unter den Händen dieser Rotte von tollen Spitzbuben zu entgehen... Hierbei diente ihm die Decke als Schild und Schutzmittel, denn er hielt sie so vor sich hin, daß die Streiche und Schläge nur sie trafen.
„Ihr Schurken!“ schrie er: „seid Ihr denn wahnsinnig oder habt Ihr wirklich ein Bubenstück vor? — Kennt Ihr mich denn nicht? — Ich bin der Graf von A—x!“