„O man kennt das!“ lachte die Stiftsdame: „Eigenes Unglück meint sie vielleicht damit — daß Herr von Marsan gestern das Rendezvous nicht eingehalten hat, welches sie ihm zu jeder Mitternachtsstunde in seinem eigenen Quartiere gibt. — Denn er hat nur zu diesem Behufe das einsame Haus, wo er jetzt wohnt, gemiethet...“
„Was sagen Sie da, mein bestes Fräulein?“ riefen Zwei aus dem Kreise: „ein Rendezvous um Mitternacht in seinem eigenen Hause...?“
„Wie ich sagte: Punkt Zwölf — mit dem letzten Glockenschlage können Sie, wenn Sie sich anders hierzu die Mühe nehmen wollen — dieses Musterbild einer Gattin und eines Mitgliedes des Frauenvereins — Sie können sie, sage ich, in eine fremdartige Kleidung gehüllt, aber leicht an ihrem ganzen Wesen erkenntlich, ihr Haus durch ein Hinterpförtchen verlassen und zu Fuße den Weg nach der Wohnung des Chevaliers einschlagen sehen. Zehn Schritte von ihrem Hause erwartet sie, hinter einen Vorsprung versteckt — Marsan..... sie gehen sodann eiligen Schrittes, und indem sie sich tausendmal umsehen, eine Strecke fort, wo ein verschlossener Wagen bereit steht, der sie aufnimmt und bis in das Haus des Chevaliers bringt. Nach Verlauf von zwei bis drei Stunden... wird die Fahrt auf dieselbe Weise zurückgemacht.... und so weiß diese kleine Cölestine vortrefflich ihr Leben zu genießen, sich wegen ihrer Strohwittwenschaft zu entschädigen.“
Die Zuhörerinnen waren erstarrt. Sie glaubten zu träumen und fingen an umherzublicken, ob wirklich Alles noch auf dem alten Platze stehe. —
„Aber,“ rief endlich die Eine aus: „ist es denn denkbar! Es wäre ein Fall, der seines Gleichen nicht hat: denn zu diesem Grade der Verstellungskunst hat es noch Keine gebracht. Sieht man sie an, scheint sie einen entsetzlichen Kummer niederzukämpfen und nur heiter zu sein — um ihrer Freunde, ihrer Gesellschaft willen. Wie oft hört man sie im Gespräche plötzlich verstummen — und Seufzer ausstoßen — oft sieht man sich ihre Augen mit Thränen anfüllen... und das geschieht Alles so wie unwillkührlich, als könnte sie es länger nicht mehr zurückhalten. O die abscheuliche Heuchlerin! —“
„Allein,“ bemerkte eine dritte Dame: „Cölestinens Wesen scheint sichtbar untergraben, was man auch dagegen sagen mag. Das ist nicht mehr die blühende Gesichtsfarbe — das glänzende Auge... das leichte, übermüthige Schaffen und Treiben.... Ihr Teint muß durch künstliche Mittel aufgefrischt werden — ihr Gang ist schleppend — ihre Hand zittert....“
Hier schlug das Stiftsfräulein ein merkwürdiges Gelächter auf: „O,“ sagte sie: „diese Symptome können ganz wohl einen andern Grund haben — — denn man hat das Beispiel an jener italienischen Signora R**, welche vor zwei Jahren hier starb....“
Die Zuhörerinnen wandten sich bei diesen Worten von der Sprecherin ab, welche vermöge ihrer tapfern Zunge so eben im Begriffe war, eine Geschichte preis zu geben, die man sich bisher nur in Bierhäusern erzählte. —
Dieses Gespräch fand an demjenigen Tage statt, von welchem wir zuletzt sprachen.