Heute empfing von drei bis sechs Uhr Cölestine ihre Freunde bei sich. Man hatte ein Concert angekündigt, bei welchem ein eben durchreisender berühmter Künstler mitwirken und an dessen Schlusse eine Romanze von Cölestine selbst vorgetragen werden sollte. — Sie saß, während ihre Gäste kamen, in einem Armstuhle, dem Eingange des kleinern Salons gerade gegenüber... Sie war ungewöhnlich bleich, und die bläulichen Ringe, von welchen seit einiger Zeit ihre Augen umkreis’t waren, ließen die letzteren heute ungewöhnlich tiefliegend erscheinen. Ungeachtet dieser und anderer Zeichen eines inneren Leidens — eines leisen, schleichenden und giftigen Siechthums jedoch war die verlassene Gattin liebenswürdig gegen ihre Gesellschaft wie immer und eifrig bemüht, derselben eine Fröhlichkeit mitzutheilen, von welcher sie selber doch nichts besaß. Ihr Anzug war fast zu einfach und ein strenges Auge konnte selbst jene kleinen Nachlässigkeiten daran wahrnehmen, vor welchen sich eine elegante Dame der großen Welt stets in Acht nimmt und die sie sich höchstens in ihrem Boudoir erlaubt. Die Gräfin trug ein blaßblaues Morgenkleid und im Haare einige dunkelblaue Schleifen, was Alles nur dazu beitrug, ihr Aussehen noch leidender zu machen... Selbst die kleine Lorgnette von Schildkröte, mit Perlen besetzt, hatte sie heute vergessen....
Sie empfing jede einzelne Person, die sich ihr näherte, mit mehr als gewöhnlicher Salonshöflichkeit... ihr Willkommen war wirklich innig und aus dem Herzen kommend; denn sie befand sich in einer sonderbaren weichen Stimmung, welche sie nicht, wie sonst, zu bemeistern vermochte, welche durchschien — und von gewissen Leuten, deren Geschäft dies ist, im Stillen belacht wurde. —
„Nun, meine Theure, was habe ich Ihnen gesagt? Ist dieses Betragen nicht lächerlich und selbst beleidigend. Will man uns durch diese zärtlichen Worte und Blicke nicht gleichsam sagen: das ist gut für Euch! Ihr braucht nichts Besseres! — Ich wiederhole es Ihnen: diese Gräfin hat uns heute um sich versammelt — um uns auf ihre Weise zum Besten zu haben.... Aber sie soll sich täuschen! —“
„Sehen Sie doch! da redet sie mit Herrn von Labers. Fällt sie ihm nicht beinahe zu Füßen!... Haha! Wie abgeschmackt! Es fehlt nur noch, daß sie uns heute mit gebrochener Stimme feierlichst ankündigt, sie wolle sich in ein Trappistenkloster zurückziehen — — und darauf morgen mit Marsan durchgeht...“
Man erräth es, wer so gesprochen.
In diesem Augenblick trat General Randow mit seiner Gemahlin ein — und bei ihrem Anblick war es, wo Cölestine sich zum ersten Male erhob, um den geliebten Eltern entgegen zu gehen. Mit einer unbezwingbaren Rührung, mit einem Wesen, welches auf innerste Erschütterung hindeutete, warf sie sich in die Arme der Mutter; und ein feines Ohr hätte sie leise die paar Worte aussprechen hören: „Noch immer kein Trost!“
„Von beiden Seiten nicht?“ fragte eben so die Generalin, und Cölestine bejahte nur mit einer stummen Senkung des Hauptes, welches so schwer geworden war, daß sie es mehrere Minuten lang auf die Schulter der Matrone legen mußte.
„Sagen Sie mir —“ redeten jene Freundinnen unter einander: „was bedeutet wieder diese Farce da? — Es fehlt nichts weiter, als daß man uns in diesem Schauspielhause Entrée bezahlen läßt...“