„Ein wahrer und aufrichtiger Freund, ein solcher, dem der erhabene Name Freund in der Noth gebührt — überbringt Ihnen diesen Brief. Er wird Mittel finden, zu Ihnen zu gelangen, mögen Sie die eherne Mauer, womit Sie sich gegen mich und die Welt umgeben, auch verdreifachen. — Und so weiß ich, daß diese Zeilen gewiß in Ihre Hände kommen, die theuren Augen meines Gemahles, meines angebeteten Alexander auf ihnen ruhen werden. Ja — so nenne ich Sie! und ich rufe Gott, der uns erschaffen hat durch einen Wink seiner Hand, der uns vernichten kann durch einen solchen — ihn rufe ich an, mich zu hören, indem ich Sie so nenne.... mich in dem Augenblick, wo ich das Wort ausspreche, zu zerschmettern, wenn es eine Lüge enthält. — O Alexander! Alexander! Wohin ist es mit uns gekommen? — Hätte ich das denken sollen — hätte ich es selbst im Wahnsinn eines hitzigen Fiebers damals denken sollen, als es noch nicht so um uns stand, wie in dieser entsetzlichen Stunde... denn jede Stunde ist jetzt entsetzlicher als die vorhergehende — das Schicksal scheint sich an mir erschöpfen zu wollen in seinem Reichthum an Elend! Es hat schon den ganzen Köcher über mich ausgeleert... und doch treffen mich noch mit jedem neuen Athemzuge neue giftigere Pfeile. — — O mein Gott, mein Gott! Erbarme Dich meiner und seiner! Sende einen Deiner allgewaltigen Lichtstrahle herab in diese Finsternisse!... Du bist ja der Beschützer der Unglücklichen, der Unschuldigen und Verfolgten... Warum hast Du deine Gnade nicht auch für mich — die mit ihrem reinen Herzen vor Dir liegt im Staube?... Ich bin ja schuldlos wie ein lallendes Kind — wie der Gedanke eines frommen Dichters! — Du siehst es — Du weißt es — Du allein kannst es bezeugen — — und doch schweigst Du, Unerforschlicher, heiliger Vater der Menschen! — rede zu ihm nur ein Wort — flüstere es ihm im Wehen des Morgenwindes, oder wenn der Zephyr Abends an seine Schläfe streift, zu: ich bin unschuldig, sein Weib war unschuldig, wird es bleiben bis zum letzten Schlage eines Herzens, das nur für ihn pocht. — Mein Gemahl, mein Gatte — warum sollte ich das Alles sagen, da nichts mich dazu zwingt? Sie haben nach Ihrer Trennung von mir meine Verhältnisse so gestellt, daß, wäre nicht meine Liebe zu Ihnen, ich mich darin nur glücklich fühlen könnte. Wäre ich eine Verbrecherin — so könnte ich ja nichts sehnlicher wünschen, als den Fortbestand meiner jetzigen Lage. — Aber ich bin keine Verbrecherin, ich bin Ihre treue Gattin — Ihr treues Weib vor den guten Menschen und vor Gott. Ich bin so rein von aller Schuld wie die Engel im Himmel es sind... Und ich kann von mir sagen: ich will vor den Spiegel der Tugend treten und es wird kein Fleckchen seine klare Fläche trüben. — — Welches sind die Zeugnisse, die gegen mich sprechen? — Nennen Sie mir sie! Ich, ich darf keine anführen, um mich zu vertheidigen, — — dies ist der Tugend nicht eigen, hierzu darf sie sich nicht herablassen. Und wollte ich überhaupt reden — — wollte ich von demjenigen reden, was allein noch einen Schein, einen Schatten von Zweifel auf mich werfen kann, so würde ich anderweitig ein Verbrechen begehen. — Doch dies ist es nicht, was Ihren Verdacht erwecken konnte .... es muß etwas Anderes sein. Ein böser Geist muß zwischen uns stehen — der einen bösen Samen aussäet... dieser Samen wächst in rasender Schnelligkeit zur Höhe — und verbirgt mich in meiner Unschuld dem Auge des Gatten. — — O Alexander, einzig Geliebter Deines Geschlechtes!.... Gewiß, die Dinge werden nicht ewig so bleiben.... es wird endlich eine mildere Sonne ihr Licht über uns ergießen — aber Du wirst dann mein treues Herz nur durch einen grünen Rasenhügel erblicken. Und diese Zeit wird bald kommen, früher als Du wohl glaubst.... Alexander, es kann nicht mehr bis zum kommenden Sommer währen, nicht mehr bis zu dem Tage, wo die Schwalben gezogen kommen, um ihr himmlisches Nest zu suchen — und auch ich werde in meine Heimath hinüber ziehen.... Könntest Du diese elende Hülle sehen, die einst so blühend, so fröhlich, so heiter, so glücklich, so voll berauschender Lust vor Dir stand, die nicht nur durch ihre Jugendkraft, sondern auch durch Deine Liebe so große Ansprüche an das Leben hatte — könntest Du sie jetzt sehen, wie sie stündlich mehr zusammenfällt und eine Frucht für das Grab wird .... o, ich wage es zu hoffen, Du würdest Dich besinnen — vielleicht nur zuerst aus Schrecken oder Mitleid — aber gleichviel, Du würdest in Dich gehen — Deine Sehkraft anstrengen... sie würde diese dünne Hülle durchdringen — und drinnen das Herz im hintersten Winkel vor Jammer und Trübsal zusammengeschrumpft sehen.... mein Herz, dieses treue, zärtliche, gute Herz, dieses Herz eines Kindes und einer Gattin zugleich....
„Doch ich höre auf zu rufen und zu wehklagen! — Ich schließe diesen Brief. — Sollte es der letzte sein, der den Weg zu Dir fand .... sollten diese Zeilen die Abschiedszeilen eines unglücklichen Weibes von ihrem heißgeliebten Gatten — sollte dieser Gruß der letzte Gruß einer verkannten Frau von ihrem allzustrengen Manne sein: so grüße ich Dich aus den innersten, unergründlichen Tiefen meiner treuen Seele und flehe den allmächtigen Gott an, Dich stets mit Glück und holder Zufriedenheit zu umgeben — Dich durch dieses Leben wie durch einen blühenden Garten zu führen — am Ziele deines Weges aber Dir eine Aussicht zu öffnen, die in den Kreis seliger Cherubim und zu den Geliebten Gottes reicht, deren einer Du werden mögest....
„Dort, dort, Alexander, werden wir uns gewiß endlich finden!
„— — Ach ich kann dieses Schreiben nicht schließen, ohne mit herzzerreißender Stimme zu rufen: ich bin unschuldig, ich bin unschuldig, ich bin unschuldig! —
Cölestine.“
Alexander hatte den Brief bis zu Ende gelesen. — Als er vorüber war, fiel er kraftlos in einen Lehnstuhl und lange fand er keinen Gedanken, keine Empfindung, kein Bewußtsein. — Eine betäubende Leere allein erfüllte Alles in ihm und um ihn. So wie ihm jetzt geschah, war ihm noch niemals geschehen.... vergebens hätte er diesem sonderbaren Anfall widerstrebt, er war, ehe er sich’s versah, dessen Sclave, gefesselt an Händen und Füßen — an Seele und Leib. — Ein tausendstimmiges Chaos rauschte, braus’te, klang und summte um seine Ohren — und es schien nicht anders, als hätte die Natur alle ihre Kräfte, leibhafte und geisterhafte, entfesselt, um sie gegen ihn zu senden, nicht damit sie ihn vernichten, sondern damit sie ihn in eine grenzenlose Verwirrung brächten, die länger dauernd den Bau seines Wesens zerrütten und zuletzt mit Wahnsinn endigen mußte. Zum Glück haftete dieser Zustand nicht lange unverändert an ihm — er machte nach und nach einer völligen Dumpfheit Platz — und war früher das Ohr das Mittel gewesen, durch welches die Ereignisse an seiner Seele rüttelten, so wurde es jetzt, nachdem der Gehörsinn völlig aufgehoben schien, das Auge. Eine Welt voll Visionen tummelte sich vor seiner Pupille — — bunt und düster, groß und klein, monströs und edel — rasch und langsam — wild und sanft: Figuren auf Figuren von unübersehbarer Menge, wie die Wellen eines brandenden Meeres! Es war ein Zug, der keinen Anfang und kein Ende nahm. — O wie sie tanzten — sprangen — ras’ten... früher waren sie doch so ganz sachte auf glattem Boden dahingehuscht... aber nun mit einem Male hatte sie alle irgend ein wüster Wirbel erfaßt — und die stille Kirchenfahrt wurde zum tollen Hochzeitszug — zum wüthenden Teufelstanz...
Seine Hirnschale drohte zu zerspringen ob des vielen Sehens; — das innerlich kochende Gehirn schien bereits durch einige Poren durch die Augenhöhlen herauszuzischen.... wild warf sich der unselige Seher mit dem Angesichte gegen den Erdboden und wühlte mit den Fingern darin; er hätte ihn gern zur unermeßlichen Tiefe aufgewühlt, um sich selbst hineinzulegen.... Da endlich däuchte es ihm, er läge wirklich schon darin — er empfand lindernde Kühle und ihn umfing finstere Nacht.... Alle Gestalten waren verschwunden... der Gesichtssinn hatte seinen Dienst vollbracht, war erlahmt...
Ach, mein Gott — noch immer hatte das Schicksal nicht das rechte Organ gefunden, wodurch es deutlich zu dem Elenden sprechen konnte, so deutlich nämlich, daß er es verstand und vom Verständniß zu Grunde ging. — Denn so hatte es das böse Schicksal gewollt;... nicht im Tollsinn sollte er reden — es wollte ihn im Bewußtsein seines namenlosen Elends hinabschleudern zum Orkus.
Darum wandte es sich jetzt von seinen äußern Talenten zu den innern — zu den scharfen geistigen Medien; es faßte ihn mit Geierkrallen unmittelbar am Herzen — und spie in’s Antlitz seiner Psyche... Es rollte mit einem Ruck zwei ungeheure Berge von Schuld vor seine Erinnerung hin — sie glichen zweien Scheiterhaufen, und auf dem Gipfel des einen lag Margaretha gefesselt und gebunden — auf jenem des andern aber — Cölestine.... und er selbst, er lief mit einer brennenden Fackel hin und zündete zuerst den einen, darauf den andern an... und tanzte dann zwischen beiden — und schürte ihr Feuer — und wandte sich mit gotteslästerlichen Gebeten an den Himmel, den er anflehte, ihm seine Blitze zu Hilfe zu senden, weil dies irdische Feuer zu schwach brenne.... und droben auf den Holzstößen, wo die Flammen über ihnen zusammenschlugen — heulten die Opfer unter rasenden Martern — und schrien auch zum Himmel auf — aber sie schrien um eine Fluth, die herabstürzen sollte auf ihre brennenden Glieder und glimmenden Haare — und als der Himmel kein Wasser senden wollte — — da verlangten sie nun auch mehr Feuer — sengende Blitze.... damit ihre Qual schneller ein Ende nähme.... Aber nichts von dem Allen ward erhört! — Alles ging seinen natürlichen Gang. — Alles, was geschah, geschah durch ihn, durch den Henker, durch Alexander — er allein briet seinem Herzen dies höllische Mahl — und er allein verschlang es, der ärgste unter den Cannibalen — — ein Teufel in adeliger gesitteter Mannesgestalt. —
Er erwachte. —