Elftes Kapitel.
Die Katastrophe.

Aber die Mauern einer großen Stadt haben tausend Ohren und die Ziegel auf dem Dache Millionen Augen; es wird Alles gesehen und gehört, mag es auch im tiefsten Dunkel der Nacht und im abgelegensten Winkel geschehen — überdies nimmt die Polizei, vermöge einer ihrer Eigenschaften, die man bei der Wiener’schen Allwissenheit nennen darf, von Allem schleunigst Notiz — mit einem Worte, zwei Tage nach obiger Begebenheit sprach man in den Cirkeln von einem Mordanfall, der in der N*straße auf zwei Personen gemacht worden sei, welche Personen sich nur durch rasche Flucht in der Equipage des Chevaliers von Marsan ihrem sichern Tode entzogen hätten.

Zu erzählen oder vielmehr zu erklären, auf welche Weise die Fama zur Kenntniß dieser einzelnen Umstände kam, ist uns nicht möglich — denn was Alexander betraf, so hatte dieser von dem Augenblick, wo die Equipage abfuhr, bis zur gegenwärtigen Stunde, nicht die geringste Unannehmlichkeit zu bestehen gehabt. Er war damals bald nach seinem Unfalle vom Straßenpflaster aufgestanden, ohne Jemand um sich zu erblicken — — und seit der Zeit wohnte er bei seinem Rechtsanwalt, in dessen Hause er sich von einer Unpäßlichkeit zu erholen suchte. — — Anderseits konnte Cölestine doch unmöglich selbst das Gerücht ausgestreut haben — und auch von dem Kutscher war dergleichen nicht zu erwarten. — — Die einzige Möglichkeit war diese: es hatte Jemand Fremder der nächtlichen Affaire zugesehen, allein wie dieser Mensch war, wagte er es nicht, sich selbst auf den Kampfplatz zu verfügen, sondern eilte — da ohnedies in dieser Straße keine Hilfe zu erlangen war — nach der Wache oder Polizei. — Als dieselbe erschien, war jedoch nicht nur der Wagen, sondern auch Alexander bereits verschwunden. —

Der Letztere hatte gegen seinen Anwalt geschwiegen — er gab vor, einen Zweikampf bestanden zu haben, der für ihn glücklicher als für seinen Gegner ausfiel.... im Uebrigen zeigte er sich äußerlich heiter und sogar humoristisch — während in seiner Seele eine Hölle glühte... deren Flammen nur gemildert wurden durch die wenigen Tropfen von Hoffnung, daß er den Buhlen seines Weibes schwer, vielleicht gar tödtlich verwundet habe....

Allein was war das Alles! — Nicht nur dessen Leben wollte er haben — nicht nur das Herz ihm aus dem Busen reißen und dessen heißes feindliches Blut trinken... er lechzte nach der Seele Marsan’s — er wünschte, daß er ihn in einem unvorbereiteten Augenblicke, da dessen Gewissen mit gräuligen Sünden beladen gewesen sei, getödtet hätte — so daß die Seele des Verhaßten zur ewigen Verdammniß hinab fuhr! — Das wünschte er, darnach rief er alle dunklen Mächte an.

— — Ach, welches Erstaunen, welches Entsetzen erfaßte ihn, als sein Wirth ihn benachrichtigte, im Hause des Chevaliers werde nächster Tage ein großes Fest begangen werden — die Veranlassung hierzu sei die Ernennung Marsans zum Gesandten am Hofe von G**, wohin er sich alsbald begeben werde. Das Fest sollte an Glanz Alles überbieten, was in dieser Art bei einem vornehmen Garçon noch je vorgekommen. Er, Marsan selbst, wollte dabei die Honneurs machen.

Dies Alles schien dem Grafen ein alberner Traum oder eine elende Mystifikation; nach einigen Minuten jedoch sah er, daß er vollkommen wache, und erinnerte sich, daß den Worten des Notars stets zu glauben war. So gehörte also das Ganze in die Welt der Wunder, welche man am besten mit Auge, Hand und Ohr controlirt.

Das Letztere zu thun war Alexander entschlossen. Er wollte in eigener Person dem Feste beiwohnen, — bis dahin jedoch sich hüten, darüber nachzudenken.... denn das Nachdenken konnte ihn zum Wahnwitz führen.