Hier begann er:
„Da es so weit gekommen ist, daß nichts mehr verschwiegen werden kann — da das Schicksal selbst einen Zipfel des Tuches aufhob, womit ein Geheimniß bedeckt war, welches nur noch kurze Zeit hätte bedeckt bleiben sollen, da dann vielleicht andere günstige Umstände eingetreten wären, so erfahren Sie, Herr Graf, zuerst: Ihre Gemahlin ist so unschuldig wie ein neugebornes Kind. —“
„Aber Beweise! Beweise!“ schrie Alexander, unter dessen Füßen es brannte — über dessen Haupte die Welt einzustürzen drohte....
„Hier sind die Beweise. Edmund von Randow, der Bruder Ihrer Gemahlin, hat sich durch leichtsinnigen Unbedacht und durch böse Gesellschaft schon frühzeitig in die mißlichsten Umstände gebracht — seine Finanzen zerrüttet und Wucherern sich in die Arme geworfen. Anstatt seine Lebensweise zu ändern — oder aber sich seinem Vater anzuvertrauen und von ihm einen größeren Geldzufluß für sich zu erwirken — schritt der schlechtberathene junge Mann auf seinem alten Wege fort.... gerieth aus einer Verlegenheit in eine größere.... und wurde zuletzt mit einem unvergleichlichen Seelenverkäufer, Lips oder wie dieser Kerl sonst heißt, bekannt; dieser verleitete ihn, um ihn ganz in seine Hände zu bekommen — selbst zu schändlichen Streichen!... zum Verkauf seines Eigenthums! seiner Kostbarkeiten, seiner Möbel.... und so fort! Um diese Zeit traf ich mit Edmund zusammen; — ich halte es für meine Pflicht, jetzt ein Bekenntniß abzulegen, welches mir in diesem Augenblick zu thun möglich ist, da ich noch zeitig genug von einem Vorhaben abstand, welches mich Ihnen gegenüber schuldig gemacht hätte: Ich liebte Ihre Gemahlin — und ich habe es gewagt, ihr meine Leidenschaft merken zu lassen. — Ich glaubte Anfangs, von ihr ermuthigt zu werden (Sie werden ohne Zweifel sich jener Tage in Ihrem Salon so wie in jenem der Generalin E—z erinnern, Herr Graf!) — — aber ich irrte mich, wie ich später sah: das, was ich für eine Gewährung meiner Ansprüche hielt, war von Seite Cölestinens nichts als Artigkeit und jene lebhafte Geselligkeit, soll ich vielleicht sagen auch ein wenig — Koketterie gewesen, welche unbeschadet ihrem Herzen — ihr eigenthümlich ist. — — Herr Graf, wissen Sie, worum es sich damals im Salon der Generalswittwe E—z besonders handelte?... Wissen Sie, weshalb bald ich, bald Edmund sich der Gräfin so dringend näherten? Damals wollte Edmund, in seinem eigenen Interesse um des Himmelswillen — mit ihr sprechen; er hatte, wie ich später erfuhr, damals den traurigen Fehltritt begangen, welcher nachher die Quelle all seines — so wie des Unglückes Cölestinens und des Ihrigen gewesen ist. — Um kurz zu sein: Edmund hatte falsche Papiere auf Ihren Namen, Herr Graf, gemacht und dieselben mit seinem eigenen Herzen zugleich in die Geierskralle des Herrn Lips gelegt... Lips wollte sie an jenem Abende noch Ihnen präsentiren — oder von Edmund den dreifachen baaren Betrag haben .... und der unselige Jüngling wandte sich, da er sich an sonst Niemand wenden zu dürfen glaubte — an seine Schwester, die ihm ihren Schmuck.... einen Schmuck, welchen sie von Ihnen erhalten, gab. — Dies geschah noch in derselben Nacht, bald nach der Abfahrt von dem Hause der Generalin E—z; — — Edmund hatte mit seiner Schwester eine Zusammenkunft auf ihrem Boudoir, nach Mitternacht.“ — — Hier entfuhr den Lippen Alexanders ein Schrei der Ueberraschung: „Er also war es gewesen!?“ Marsan aber fuhr fort: „Dieses Geschenk jedoch war für ihn nichts mehr als ein Palliativ gewesen..... der Werth des Schmuckes reichte nicht aus.. und Lips prolongirte blos das falsche Papier — — behielt es jedoch bei sich. — Schon nach wenigen Tagen bestand er unerbittlich auf Bezahlung desselben.... Edmund hatte entweder den Kopf oder alles Herz, allen Glauben verloren, denn er hätte sich ja leicht mir anvertrauen können, ja selbst Sie, mein Herr, obwohl Sie ihn eines falschen Verdachtes wegen, den ich bei Ihnen jetzt vernichtet zu haben glaube, haßten — würden den Aermsten gewiß nicht haben untergehen lassen... Allein dieser Jüngling war bestimmt — sich und seine Familie ganz und gar elend zu machen.... er harrte, harrte, bis irgend ein Gott aus der Luft seinen mächtigen Arm herabneigen werde.... er harrte, oder vielleicht lebte er in einer Art von Wahnsinn fort — — bis der tödtliche Streich geschah.... Sein Würger erschien, forderte das Geld und — — da er es nicht erhielt, ging er vor Gericht. — —“
„Hier ist ein Räthsel, welches ich nicht zu lösen vermag. Weßhalb ging Lips vor Gericht? Es war einfacher, sich an Sie oder an die Eltern des jungen Mannes zu wenden.... so konnte er schleunig zu seinem Gelde gelangen. Was hatte er von der öffentlichen Compromittirung Edmunds? — — Oder war hier nicht persönliche Beziehung mit im Spiel? — — Doch, ich hoffe, auch auf diesen dunklen Punkt wird noch Licht fallen.“
„Edmund, von dem Schritte seines Gläubigers in Kenntniß gesetzt — verbarg sich und entdeckte seiner Familie, er sei nach Prag oder an die Grenze verreis’t. Ach vergebens! Auch für sie war das blos ein Palliativ. Sie erfuhren das Unglück Ihres Sohnes noch in derselben Stunde. — — Edmunds Aufenthalt in dieser Zeit war Niemand bekannt, als seiner Schwester ... später auch seiner Mutter. Aber dieses Versteck war gegen die Nachstellung der Häscher nicht hinlänglich gesichert.... und in einem Anfall von Verzweiflung warf Cölestine das Geheimniß in meine Hände.... sie machte mich zu ihrem Vertrauten, sie beschied mich.... brieflich ... aber das mißglückte durch Ihre Dazwischenkunft, Herr Graf.... sie beschied mich sodann durch eine mündliche Botschaft zu sich. — Ich entsprach mit Begeisterung dem ehrenden Vertrauen: ich stellte mich in Person bei ihr ein — — und hier wurde zwischen uns festgesetzt, daß Edmund in meinem Hause ein verborgenes Zimmer bewohnen sollte. — Alles dieses wurde sofort in Vollzug gesetzt....“
„Ihr Haß, mein Herr, gegen Edmund, die Schwierigkeit, diesen Haß anders zu zerstreuen als durch Blosgebung der Schande des Jünglings — die unbezwinglich stolze und hartnäckige Weigerung Ihrer Gemahlin, Ihnen Alles zu enthüllen.... (sie zog diesem Schritte den Tod vor!) endlich... die Hoffnung, daß nach und nach, wenn auch in späterer Zeit — der Sturm doch wieder vorüberziehen werde.... bewirkten, daß Cölestine den schrecklichsten Verdacht auf ihr Haupt fallen sah — ohne etwas thun zu können — als zu weinen, zu klagen — zu verzweifeln.... Sie reis’ten von Wien ab, Herr Graf, Sie bewirkten eine eklatante Trennung — — und Cölestine mußte das Alles geschehen lassen, konnte, ob auch ihr Herz im Todeskampfe zuckte — Sie nicht einmal mit einer Hand zurückhalten. — Allein Edmund, ihr unglücklicher Bruder, war geborgen; das gab ihrem Herzen einen schwachen — mattglimmenden Trost. Sie kennen die zärtliche Liebe der beiden Geschwister: Cölestine wollte lieber selbst elend sein, als es ihren Bruder sein lassen. —“
„Sie sah ihn jede Nacht. Jede Nacht um zwölf Uhr erwartete er sie an dem Gartenpförtchen Ihres Hauses und meine Equipage brachte Beide hierher in dieses Haus — wo sie auf Edmunds Zimmer Stunden lang beisammen blieben.... Wie viele Thränen sind da geflossen! — —“
„Doch weiter! — Meiner Mühe gelang es — Ihren Aufenthalt zu entdecken, Herr Graf.... ich wollte für die arme Frau Alles thun, was in meinen Kräften stand, und so war ich der Ueberbringer ihres Briefes an Sie auf Ihrem Schlosse, mein Herr......“
„Hier endet meine Erzählung. Ich weiß nichts mehr hinzuzufügen. —“