»Wie kannst du das wissen, du Narr?«

Schmunzelnd zeigte der Bursche seine flache Hand.

»Ist Ihnen eine längere Lebenslinie schon vorgekommen?«

»Seid ihr doch kundige Leute hier zu Lande!« spottete Karl, doch hochklopfenden Herzens beugte er sich herab und hielt die offene Rechte hin. Ein Blick darauf genügte dem Kenner.

»Mitten in der ersten Hälfte durchschnitten,« sagte dieser.

»Das stimmt!« rief Karl, dankte für die Auskunft und hieb auf Carabine los, daß das alte Rößlein junge Beine bekam.

Sein einziges Gefühl war: mich bringt Ihr nicht in Verzweiflung! Euer Gefasel geht mir bei einem Ohr herein, beim andern hinaus. Die Natur weiß nichts von eurer Hexenweisheit! Jener Felsen bei Benodet, an dem mein Boot hängen blieb, wollte mich vor Gefahr bewahren, und obwohl ich ihr doch in die Arme rannte, wurde mir kein Haar gekrümmt! ... In der Ferne sah er das Meer erglänzen. Ihm schlug das Herz vor trotziger Freude. Seine Pulse flogen. Der Wille zu leben erfaßte ihn wie Fieber. Wie das Meer lockte! Wie der Himmel strahlte und die Luft berauschte! Er war wieder ganz Vertrauen, Sehnsucht.

Endlich daheim, eilte er an den Strand, hißte auf dem ersten besten Boot die Segel auf und fuhr ins Meer hinaus. Was war das wieder für ein Meer! Was waren das wieder für Farben! Wie schweres Gold rollte die Sonne nieder, netzte sich und tauchte in die Wellen. Je tiefer sie versank, umsomehr wuchs und glühte sie. In der Ferne bewegte ein Segelboot anmutig seine weißen Wipfel, hüllte damit die Sonne ein und schwamm dann sieghaft weiter. Noch einmal erhob sie ihr strahlendes Haupt. Bleib! verweile! bat Karl. Allein die Sonne schied.

Da erfaßte ihn die Angst. Zum erstenmal in seinem Leben. Ja, der Waghals zitterte vor dem Meer jetzt, da es wie ein schlafendes Kind sanft zu seinen Füßen lag. Kein Lufthauch regte sich, wie angewurzelt stand das Schiff, dem Sinnverwirrten war es aber, als ob ihn tausend Wasserarme emporhielten, schaukelten, mit ihm ihr Spiel trieben, um Rache an ihm zu nehmen. Jetzt unterzugehen war sein Schicksal, er fühlte es; doch wollte er seinem Schicksal entrinnen. Fort! Fort! Er pfiff nach Seemannsart, den Wind herbeizulocken, vergebens. Ihm war zum Ersticken, einem Schwindel nahe, ergriff er die Ruder, um uferwärts zu streben. Mit schweißbedeckter Stirne erreichte er die Insel, die näher als die Küste lag, und drängte sich dort durch alle die Männer, Weiber, Kinder und Gänse nach dem Gäßchen, an dessen Ende das Kirchlein mit dem sternförmigen First sich erhob. Aufgebracht, rechthaberisch trat er ein. Weihrauchduft und Fischgeruch strömten ihm entgegen. Eine Öllampe glimmte am Altar. Wie gebannt näherte er sich der Flamme.

»Erbarme Dich, Gott, ich will nicht sterben!« betete er. »Bin ja gesund wie ein Stein, gemacht wie für hundert Jahre, und das Leben gefällt mir. Ich kann es nicht im besten Zuge lassen, ich will es auskosten bis zum letzten Tropfen!«