Doch vergebens harrte er auf ein Zeichen der Gnade, vergebens rang er nach dem Gefühl der Berechtigung, zu sein. Da vernahm er ein Geräusch. Eine alte Nonne mit großer, weißer Flügelhaube hantierte da mit Besen und Federwisch. Die umgestürzten Betstühle steckten die Beine von sich, Staubwolken flogen auf, und wie in einer Stube bei gründlicher Reinigung, so irdisch und hausbacken sah es in dem Kirchlein aus. Den Tod im Herzen, floh er.
Fort! dachte er: Fort aus diesem verfluchten Land, wo es zu sterben gilt! »Ich muß fort!« erklärte er dem Alten daheim. »Augenblicklich muß ich fort!«
»Weil Sie sich einen Wahnsinn in den Kopf gesetzt haben!« zürnte dieser, »weil Sie eine Höllenangst vor dem Sterben haben!«
»Warum nicht gar!« leugnete Karl, »ich habe Gott geschaut,« sagte er bitter, »mit ihm gesprochen, wie ich jetzt mit Ihnen spreche und mich den Teufel um den Tod geschert. Warum denn einem ins Gesicht sagen: Ihre Stunden sind gezählt. Ich vertrage so 'was nicht!«
Da riß dem Alten die Geduld. So rasch ihn die Füße trugen, hinkte er ins Nebenzimmer, die Karten herbeizuholen, zog nach langem Suchen drei hervor und hielt dieselben eine nach der anderen Karl vor die Nase, indem er in grobem Ton zu verstehen gab, daß diese und keine anderen den Tod bedeuteten. Hoch und teuer schwor er, sie seien ihm damals gar nicht in die Hand geraten und er habe ihn nur zum besten gehabt: »Schimpf und Schande für einen Mann!« knirschte er und warf schließlich die Karten auf den Tisch, daß sie bunt durcheinander flogen. Voll Scham und Widerwillen, in höchster Ratlosigkeit, wühlte Karl in denselben und behielt drei in der Hand: jene, welche den Tod bedeuteten. Da stand er nun wie ein Gerichteter, für den es keine Begnadigung gab. Zerknirscht sah der Alte drein, als wollte er sagen: Vergieb, daß der Ruf dir gilt und nicht mir!
»Da ist nichts zu machen,« meinte Karl, nur noch von der Sorge erfaßt, mit Anstand aus der Welt zu gehen. Vor allem wollte er an seine Leute daheim und an den gekränkten Freund ein Wort des Abschieds richten; doch zerriß er seinen Brief an jene und unterließ auch diesem zu schreiben, indem er meinte: Ich war undankbar, du verdenkst es mir, so sind wir quitt! Hingegen beeilte er sich, seinen letzten Willen aufzusetzen, besann sich aber, daß er ein armer Teufel war, und machte nur ein Verzeichnis seiner Schulden. Er war ganz Ordnungssinn, die Wichtigkeit des Moments hielt ihn außer Atem, er wäre einer Heldenthat fähig gewesen. Doch wie demütigte ihn der Gedanke, man könnte seinem frühen Grab übliches Mitleid weihen. Ein Grab haben! er glaubte rasend zu werden. Wie er weinte und tobte! Er hätte die Welt zerreißen mögen. Doch erfaßte ihn ein heftiges Verlangen, schnell noch jemand zu lieben. Da fiel ihm Herr Laland in Paris ein. Den Gelehrten wiedersehen und geborgen sein erschien ihm eins. So schnürte er denn sein Ränzchen und machte sich bei Tagesanbruch auf. Ohne Abschied, das Herz voll bitterem Groll.
Atemlos erreichte er die Station, den Zug und dankte Gott. Ihm war, als erwachte er aus einem Wahnsinn. Er schlug die Hände zusammen über seine Thorheit. Still jubelnd fuhr er durch das sonnige Land, wie durch sein rechtmäßiges Erbe, daraus ihn keine Macht der Erde verdrängen konnte. Er mußte an sich halten, um den guten Bretagnern, die mit ihm im Coupé saßen, nicht lachend um den Hals zu fallen.
Erst als an allen Stationen hunderte und hunderte von Passanten herbeigeströmt kamen, bemerkte er, in einen Vergnügungszug geraten zu sein, was weiter? Doch es erschreckte ihn. Er zitterte. Was war aus ihm geworden? Überzeugt, mit diesem Vergnügungszug schnurstracks in den Himmel zu fahren, dachte er: Schon beim ersten Schritt ereilt mich das Verhängnis! Tausendmal wäre er ausgestiegen, doch schämte er sich und war auch kampfesmüde. Es mußte ja sein. Es gab kein Entrinnen! Da half kein Gott! Das Rollen der Räder tönte ihm gleich Choralgesang in den Ohren. An Leib und Seele zerschlagen traf er bei Herrn Laland ein.
»Nun kann ich Sie nicht brauchen! Ich arbeite!« lautete der Empfang. »Wie, im Hochsommer kehren Sie zurück und mit solchen hohlen Wangen? Zurück ans Meer mit Ihnen, nach Berck, dort finden Sie meine Schwägerin mit Familie. Sie kennen sie doch? Und meine Nichte Andrée kennen Sie doch auch? Ich stecke bis über den Hals in einer Abhandlung über die Lebenskraft der Menschen und Wirbeltiere – stören Sie mich nicht!«
Sofort kündigte er der Schwägerin an, daß sein Schützling einige Zeit in Berck verbringen werde, worauf ein freundliches Willkommen als Antwort erfolgt war. Ich werde im Meer bei Berck umkommen, sagte sich Karl und fragte den berühmten Mann: