Das wollte ein verwahrlostes Stück Erde sein, dieses Paradies? Mit dem Blumenmeer von Feldern, den Blumensträußen von Bäumen, der kristallnen Luft voll Duft und Schmetterlingen? Luftig, gewaltig erhoben sich die Berge, ihr Atem berührte das Thal. Und was war das für ein Himmel! Wie schien dort oben die Sonne und streute Strahlen hernieder wie Gold. Auf goldiger Erde, unter goldigem Himmel stand das Haus. Das Thor war aufgethan. Juchhe! Ihm war, als hätte er eine Welt, als hätte er die Welt entdeckt. Was hatte er gewußt, daß es eine Erde gab, einen Himmel und einen Himmel auf Erden?
Und diesen schönen Fleck Erde hatte der Onkel wie die Pest geflohen, davon schließlich nichts hören wollen, so daß die Felder in schlechten Pächtershänden waren und die Waldungen verwildert. Aber man richtet sich eben ein, daß man alles selbst bewirtschaftet; hat man aber keinen blauen Dunst davon, so nimmt man sich einen tüchtigen Verwalter.
Muck nahm sich einen Verwalter, einen zu Grunde gegangenen Gutsbesitzer. Der mußte doch zu wirtschaften verstehen. Es war ein gar unternehmender Herr mit hochfliegenden Plänen, die vorläufig freilich nur in Anschaffungen bestanden. »In eine ordentliche Wirtschaft gehört dies, in eine ordentliche Wirtschaft gehört das –« und dabei hatte er eine Art, sich den langen Bart zu streichen, daß ihm Muck recht gab und Geld – Geld ohne Ende. Entweder man hat ein Gut oder man hat keins, rechtfertigte er sich vor sich selbst. Wagte er aber doch zu seufzen, so hieß es: »Das ist bloß der Anfang!« Doch der Anfang nahm kein Ende, hingegen seine Barschaft, denn Steuern mußten ja auch entrichtet werden. Gleich stellte sich der Staat ein mit der Rechnung: Ein Gut erben kostet so und so viel. Was nur das Bauen verschlang! Vom Viehkauf gar nicht zu reden. O mit deiner ordentlichen Wirtschaft! dachte Muck, bin ich denn ein Millionär? Hätte er wenigstens mehr davon verstanden! Schade, daß das Gut kein Zinshaus ist! bedauerte er oft, freute sich aber doch, daß das Gut ein Gut war. Machte es ihm auch Kummer und Sorgen, so war es doch sein Glück! Seine Sparkasse, dahin sein letzter Kreuzer spazierte, sein Stolz, für das er sich gern zu Grund richtete, von dessen Gnaden er nicht leben wollte.
In der That stand im nächsten Frühjahr ein schönes Haus da – er hatte sich kein neues gebaut, weil das zu hoch gekommen wäre, nur das alte umbauen lassen, was freilich so hoch gekommen war, wie ein neues – und Ställe und Scheunen lagen daneben. Wohl waren diese noch leer, doch auf den Feldern blühte die Saat. Ja, nun hieß es ernten, die Zinsen einheimsen. Was setzte er für Hoffnungen auf sein Gut, wie hatte er seine Freude dran!
Sonntags wenn er vor seinem Hause stand – wie dufteten die Nelken und Rosen! So schön hatten sie die ganze Woche nicht geduftet. Auf den Dächern girrten die Tauben, und im Hof trieben sich still die Hühner umher, der Hahn hochbeinig, den Schnabel in der Luft, die Henne gesetzt und bekümmert. Zwischen ihnen stolzierte der Verwalter mit einer Miene so sicher und gelangweilt und strich sich den wehenden Bart. Der Hahn hatte etwas Männliches und der Verwalter etwas Hahnenartiges – eigentlich konnte ihn Muck nicht recht leiden. Er war eine militärisch vornehme Erscheinung und stand mit der Mutter Natur auf Du und Du – man kam sich neben ihm vor wie Parvenü. Kinder liefen einem zwischen den Beinen, lauter Sprößlinge von ihm. All die Mäuler mußte er füttern. Ja, hier war er Herr, das fühlte selbst Schnapsl. Wie er ihm schön that, wie er ihn verwöhnte! Es gab keinen spaßigeren Dackel. Dick wie eine Walze, mit geringeltem Schweif – es war kein echter, nur ein »imitierter«, wie sein Herr ihn neckte. Der Kopf war groß wie von einem Flußpferd, dabei war er munter und verspielt wie ein Kind. Der liebte ihn auch nicht wenig. Endlich ein Hund, den er liebte. Er hatte noch nie einen besessen. Wie kann man Hunde fremder Leute lieben? Ihm war, als hätte er auch die Welt noch nie geliebt. Wie kann man die Welt fremder Leute lieben? Doch sich sagen können: Das ist mein Haus, mein Hund, das sind meine Schweine, meine Kühe!
Auch bei ihnen kehrte er ein und fand sie bei ihrem Tagewerk. Selbst an einem Sonntag rasteten sie nicht. Für die Kuh hatte er eine ganz spezielle Verehrung. Wie prächtig sie das frische Gras zum Dünger verarbeitete! An dem starren Körper hob und senkte sich der dünne, rege Schweif, es war wie eine Riesenmaschine.
Hie und da gingen Leute vorbei und grüßten mit trägem Respekt. Der neue Gutsherr erfreute sich keiner Beliebtheit. Dafür sorgten schon die gekündigten Pächter, die ihn ausrichteten. Ach ja, die Bauern! Bellend lief Schnapsl auf die Straße und bellte noch, wenn die Leute schon längst vorbei passiert waren. »Kusch dich, Schnapsl!« Aber er bellte beim bloßen Gedanken dran, daß es jemand gewagt. Er war ganz nervös und wollte seinen Spaß haben auch an einem Sonntag. Wie gern hätte er Händel angefangen! Doch mit wem? Heute durften die Kinder ihre Hosen nicht zerreißen. So lange zu ruhen! Man war ganz erschöpft, und der Tag nahm kein Ende. Wie wurde es eintönig im Hof! Man sah nichts als Hühner, Gänse und Tauben. Wer bemerkte sie an Wochentagen? Der Knecht lag vor der Stallthüre wie krank. Sechs Tage arbeiten und am siebenten vor Langeweile sterben – war das nicht zu viel verlangt vom lieben Gott und christlich? Das Haus stand noch am selben Fleck, und der Garten wurde immer kleiner. Man hatte die Rosenstöcke gezählt und man hatte die Hühner gezählt. Man wußte alles auswendig, und der Sonntag schien hundert Jahre alt mit seinen Rosen, Hühnern und Tauben, als man einen hohen Flügelschlag vernahm. Ein Laut aus höheren Regionen. Die Luft erbebte, ein Adler kreiste über Haus und Hof. Alles schauerte zusammen, fühlte sich geschmeichelt – welch ein Sonntag!
Und welch ein Sonntag war das für Muck, als die schöne Witwe, seine alte Flamme, ihn in die Versuchung brachte, oder vielmehr ihr Schwager, der pensionierte Hauptmann Bradl. – Das war so:
Muck stand wieder vor seinem Haus. Wenn er drin war, sah er es nicht und er wollte es immer vor Augen haben. Wie sich eine Frau unter Rosen schön ausnimmt! dachte er, die Verwalterin im Garten erblickend. In ihrem Sonntagsnachmittagsausgehkleid sah sie gar sanft und vornehm aus und putzte ihren Kindern die Nasen. Die ganze Naturgeschichte spielte sich ab vor seinen Augen, nur er hatte gar keine Rolle drin. Plötzlich hätte er auch Weib und Kinder haben mögen. Sein Hof war eine Arche Noah, darin alles gepaart war bis auf ihn. Daß ihm Frau Bradl einen Korb gegeben! Er hatte ihr nämlich einmal durch die Blume einen Heiratsantrag gemacht, aber sie war halt zu reich gewesen für ihn. Leider! Alleinsein ist doch kein Geschäft! dachte er, wo nimmt man schnell Weib und Kinder her? als der Hauptmann in den Hof trat.
»Meiner Seel und Gott, der Herr Hauptmann!«