Mit dem Stock in der Hand wollte Johann Muck auf die Pirsch.
Als man eine Büchse herbeigeschafft und sie ihm umgehängt hatte, verging ihm alle Jagdlust. Er konnte keiner Fliege etwas zu Leide thun, und nun galt es, Hirsche über den Haufen zu schießen, wie er sich das nämlich so vorstellte. Aber entweder hat der Mensch Waldungen oder er hat keine, räsonnierte er und kletterte drauf los, daß ihm der Atem ausging. Jeden Moment blieb er keuchend stehen und wäre am liebsten umgekehrt. Wie schreckte er zurück! Ihm wurde angst und bange. Er fühlte: nun geht's in eine neue Welt!
Vom Himmel umgeben stand er an einem Abhang. Hie und da blinkte ein Stern wie ein Licht aus einem fremden, nächtlichen Dorf, von dem der Wanderer nicht wußte, woher es kam, wohin es führte, nur daß es ein Licht war, und das war genug.
In Schweiß gebadet erreichte er die Höhe. Es war seine größte Reise. So weit vom Leben war er noch nie gewesen. War sein Besitz so groß, daß er bis ans Zauberland stieß? Wo bin ich? dachte er, als er sich vom Hochwald umgeben sah mit seiner Stille, die melodischer war wie Musik, mit seinem Atem, der ihn wie eine unsichtbare Kraft umrauschte, und mit seiner Dunkelheit, die mit ihren weichen Fittigen alles umhüllte wie ein guter Geist.
Er bebte. Die Angst vor dem Schönen, die Furcht vor der Freiheit erfaßte seine Seele, die bisher in Gefangenschaft gelebt. Nur kein Erlebnis, um Gotteswillen! dachte er. Gieb dem Verhungernden Speise, und er stirbt am ersten Bissen. Als ihn der Verwalter am Wechsel ansetzte mit der Versicherung: »Der Hirsch kommt Ihnen, verlassen Sie sich drauf!« rief er zitternd: »Jesus, Maria und Joseph!«
Bewußtlos fand ihn dann jener, wie zermalmt von einem großen, großen Eindrucke, viel zu groß für einen Menschen. »Was ist passiert?« fragte er. In einer Art Furcht vor dem Erwachen faßte ihn Muck am Arm. Jede Fiber in ihm redete, sein Mund kam gar nicht zu Worte.
»Der Hirsch!« stammelte er endlich, »der Hirsch!« und erzählte, wie er vor Kälte und Müdigkeit eingeschlafen sei und sich dann, jäh erwachend, ihm gegenüber gesehen habe, einem Riesen von Anmut und Majestät. Welche Überraschung! Welche Lage! Wie habe er am ganzen Leibe gezittert! Die Büchse habe er fortgeworfen. »Ich hab' mich gefürchtet,« gestand er, als sei seine Furcht eine Furcht gewesen, derer sich kein Mann zu schämen brauchte. Sein Gesicht strahlte. Wie war ihm beim bloßen Gedanken daran, wie ihm gewesen!
»So 'was hab' ich noch nicht erlebt!« versicherte er. »Nein! nein ...«
Seine Seele wuchs und wuchs. Nun hatte das Schönste, Größte darin Platz. Aber mit dieser Seele im Leibe zurückzumüssen in das kleine Getriebe der Großstadt, in den engen Laden, wo es keinen Hochwald gab, keinen Sturm, keinen Sonnenstrahl. Wie er anfangs in der neuen Welt der Alte geblieben, so wurde er in der alten Welt ein Neuer. »Gott«, seufzte er, »ich bin aus meiner Sphäre herausgekommen. Gott, wie komm' ich in meine Sphäre wieder hinein? ...«
»Verkauf das Gut!« riet ihm Mayer, und der wußte, was er sprach. Dem redete niemand 'was ein oder aus. Man brauchte nur seinen Kopf zu sehen, diesen Koloß. Die glänzende Haut spannte nur über der massiven Schläfe. Sein Hirn war eine feste Burg, gar schwer zu erstürmen, doch drang ein Gedanke einmal hinein, saß er auch für ewig fest – es gab keinen größeren Dickkopf. »Verkauf das Gut! Verkauf das Gut!«