Im Laufe des Tages ging er zu Madja.

Sie wohnte und schlief mit ihrer Freundin zusammen. Die Hände im Schoße, saß sie träumend da in ihrer ganzen eigenartigen Schönheit. Fast wäre er vor ihr niedergesunken. »Olga, wo ist unser zweiter Sessel?« fragte sie und war aus ihren Träumen erwacht.

Da wärst du nun, schien ihr Blick zu sagen, mit dem sie die knabenhafte Gestalt des Franzosen maß, sein kühnes Gesicht voll ewiggährendem Verlangen nach etwas, um es zu bewundern oder zu verhöhnen. Was willst du?

Ich fiebere, erwiderte seine heiße Miene, fieberst du doch auch.

Aber wir haben nicht dieselbe Krankheit, sagte ihr Blick.

Er war verliebt, wahnsinnig verliebt wie immer, wahnsinnig verliebt wie noch nie. Ein Bild der Jugend und der Freiheit, der Schönheit und des Elends erschien sie ihm. Wenn ihm nur ihr mysteriöses Lächeln, dieses Lächeln der Schönen Leonardo da Vincis nicht Angst eingeflößt hätte! Die Qual war nur auf seiner Seite. Das war ihm noch nicht vorgekommen! Du spielst die Spröde, freudloses Bettelkind, hergelaufene Studentin! rief es in ihm, doch vollends verzweiflungsvoll hätte er ausrufen mögen: Du bist das achtbarste Wesen, das mir je begegnet, vornehmer als alle großen Damen, reiner als alle Himmelsbräute, gefährlicher als die gefährlichsten Koketten! ... Allein ihr Lächeln sagte: Was willst du? Rußlands ganzer Jammer liegt auf mir!

Marx' Theorieen waren ihre Richtschnur. Die Politik war ihr gleichgültig, der ökonomische Krieg ihr Ideal. Keiner politischen Partei, einer religiösen Sekte schien sie anzugehören, so tiefgläubig egoistisch war ihr Streben und so recht um des eigenen Seelenheils willen.

»Fräulein Madja!« rief er mitleidsvoll. »Sie wollten Freiheit und haben Freiheit in Hülle und Fülle! Was kümmert Sie Rußland?«

»Ich sehne mich dahin zurück,« sagte sie einfach. Eine Erinnerung blitzte in ihr auf, und sie erzählte, um sich über sich selbst lustig zu machen.

»In Sebastopol war einmal Judenverfolgung. Ich bin aus Sebastopol und Jüdin. Wie alt war ich damals? Dreizehn Jahre. Mein Vater war ein kreuzbraver Mensch, und ich hatte ihn natürlich sehr lieb, und meine Mutter – ach, meine schöne Mutter war mir die ganze Welt! Nun aber waren sie in Gefahr, meine süße Mutter und mein Vater. Sie rangen die Hände, rauften das Haar, und ich starb fast vor Mitleid. Aber Stenko, der kleine Nachbarsohn, sagte: »Deine Eltern müssen sterben, denn sie sind Rußlands Ruin.« Ich war in Verzweiflung! Weh mir, meine angebeteten Eltern, weinte ich. Ich kann euch nicht helfen, ihr mein Glück und Leben! Denn seht, wenn ihr Rußlands Ruin seid ... Vater und Mutter hätt' ich hingeopfert für Rußland!« Mit glühender Bestimmtheit rief sie: »Der Patriotismus muß aufhören! Der Patriotismus ist mit das faulste Gift, daran wir elend zu Grunde gehen!« Über Jahrhunderte schien ihr Geist zu jagen, das Himmelsziel erreicht zu haben, und in gedämpftem Siegeston phantasierte sie: »Die Grenzen werden fallen, und die Altäre stürzen. Es wird weder Russen noch Franzosen geben, weder Christen noch Juden – keine Juden, man denke! – weder König noch Unterthan. Alles wird gleich sein, alles wird reich sein, frei sein und keinen Gott brauchen und keinen Himmel brauchen und nicht sterben wollen. Kein Vaterland und keinen Krieg wird es geben, nur ein Riesenreich: die Welt, und der Weltgeist wird das Steuerruder sein!«