»Niemals! Frankreich darf nicht aufgehn in der Allgemeinheit!« protestierte der Franzose. Ahasvers Enkelkind lachte aber und rief, indem sie sich in dem Stübchen umsah, das so winzig klein war und doch so ungeheuer öde, das so wenig Möbel aufwies und doch so viel Unordnung: »Kann man diesen Kerker lieben? Aber meine Tante, die hier ein Juweliergeschäft hat, bewohnt ein reizendes Appartement. Welch ein köstliches Gefühl, zu denken: hinter jener Thür ist noch ein Zimmer, das deiner harrt, eine ganze Flucht von Zimmern – ja, und sich sagen zu können: hinter jener Grenze blüht dir eine zweite Heimat, und hast du sie passiert, gelangst du in eine dritte – und so fort und fort! Durchstreifst du die Welt die Kreuz und die Quere, dein Fuß betritt nicht die Fremde! ... Vor zwei Jahren war ich verlobt,« schwatzte sie, »mit einem Kaufmann aus Odessa. Er war wohlhabend, eine wundervolle Partie, und ich war furchtbar verliebt in ihn. Schließlich wollte ich doch nicht heiraten aus Angst, Kinder zu bekommen. Nur das nicht! Denn stellen Sie sich vor, mein Kind käme zur Welt, blickte um sich weit und breit und fragte: Mutter, wo ist meine Heimat? ...«
Doch das Leben ist kurz, und ein ewiger Gesinnungsaustausch mit einem reizenden Mädchen, für das man glüht, kein Hochgenuß, zumal in einem ungeheizten Zimmer. – Fahr wohl, dachte Laurent, bist für die Liebe verloren, dich plagt ein anderer Dämon. Behalte dein Rußland!
Aber das russische Gasthaus besuchte er und wurde dort Stammgast.
Trebatsch, der Wirt, ein Rotbart mit wahrhaft königlichen Händen, war ein zu Grunde gegangener Wechsler aus Odessa. Aus seinem Pharisäergesicht, von dessen markiger Schönheit er keine Ahnung hatte, guckten tausend schlaue Teufelchen, doch war er die Demut und der Geschäftseifer selbst. Sein Kindersegen war groß. Sascha und Mascha, die Zwillingstöchter, bedienten.
Sascha oder Mascha? – das war hier die Frage. Gleichrunde, schwerfällige Gestalten, gleichrunde Wangen wie Milch und Blut, gleichrunde Kirschenaugen – nur Adler und Federscher, die beiden Auserwählten, konnten sie kraft ihrer Liebe unterscheiden, was nicht einmal das Vaterauge vermochte. Wie oft hörte man z. B. den Alten draufloswettern. »Mascha, nimm dich in acht! Was sind denn das für Sachen, Mascha? Mascha, ich sag' dir ins Gesicht« u. s. w., bis ihm der Ausruf das Wort abschnitt: »Aber ich bin ja gar nicht die Mascha!«
Das Lokal war eng, trüb und dumpfig, dafür wurden aber die Gäste, die Ernährer der Familie, auf Händen getragen. Gerstensuppe, haschiertes Beefsteak, Thee samt Citronenschnitte – alles kostete nur einen Franken. Lustig ging's gerade nicht zu. Man unterhielt sich im Murmelton, als läse man Gebete. Slaven kehrten wenig ein, zumeist Juden wie Adler, Goltschmann, Klein und Federscher, aber dem Herzen nach waren sie Russen und liebten Rußland wie ihre Muttererde.
Wie sie existieren konnten, war ihnen selbst ein Rätsel, trotz der Stipendien, die ihnen von reichen Glaubensgenossen zuflossen. Adler besorgte Abschriften für die russische Botschaft, die ihm sein Gönner, der Botschaftskanzler, verschaffte. Die meisten lagen auf der faulen Haut und darbten. Nicht immer hatten sie eine ständige Wohnung, manchmal überhaupt keine, bei Kameraden flogen sie wie Tauben aus und ein. Fragte man z. B. den Concierge neben der Kirche St. Etienne du Mont, wo Goltschmann zur Zeit eine Mansarde inne hatte: »Wohnt Herr Adler hier?« so hieß es etwa: »Nein, aber er ist soeben fortgegangen.« Oder erkundigte man sich nach Klein: »Heute war er noch nicht hier, muß aber jeden Augenblick kommen.« Sie steckten die Köpfe zusammen und klatschten – wer dachte an Dynamit und Sturz der Tyrannen! – richteten die Freunde aus und sprachen – sie gehörten zur südlichen Kolonie – von Odessa und wiederum von Odessa.
Sie waren hilflos, ohne Halt, lächerlich, aber sympathisch. So ordinär sie von Manieren auch waren, ihr Freiheitsdurst bürgte für ihre Seelengröße. Sie spielten nicht die Freiheitskämpfer. Sie schrieen nicht Feuer und Mordio, sie schwiegen und verbrannten. Gleich einer geheimen Sekte schlossen sie sich ab. Es war ein verzagtes Traumleben, das sie führten, ein Lagerleben, darin man zu keiner neuen Schlacht rüstete, der Ruhe geweiht, einer Ruhe, die entnervt und tötet.
Diese Unglücklichen, die mit ihrem Gott und nicht mit der Menschheit rechteten, konnten Rußlands Mißstände unmöglich gefährden. Nihilist sein galt bei ihnen nicht als Gesinnungssache, sondern als ein Stand, ein Fluch. Der dumpfe Drang nach geordneten Verhältnissen war ihre Triebfeder, und wie Wohlthätige die Bettler aus der Welt schaffen möchten, so trachteten diese Menschenfreunde sich selbst auszurotten.
»Wir sind schlechte Rebellen,« klagte oft Klein. »Der Russe macht in uns den Juden mutig, doch dieser den ganzen Menschen zu schanden.«