Das Gnadenbrot Europa zu Füßen werfend, wollte er sich später als Arzt in Palästina ansiedeln. Dahin gehen und sich den Bauch aufschlitzen, galt ihm eins – sein Heldenmut der Selbstvernichtung war mitleiderregend; ein Streber von Haus aus, betrachtete er seine Leidensgenossen als seine Verderber, und der Gedanke, Proselyt zu werden, umgaukelte ihn wie ein verführerischer Traum.

»Desertier, aber bleib im Land!« riet ihm Adler, der als ein glühender Verehrer Frankreichs die stolze Hoffnung hegte – und das kennzeichnete wiederum den Standpunkt dieser Aufständischen – als russischer Botschaftsarzt in Paris Karrière zu machen. »Mein Vater war Jude, ich bin Russe, und mein Sohn wird Franzose sein,« spottete der Tausendsassa, der immer bei guter Laune und bei Geld war. Wie oft half er seinem Schwiegervater mit 5–10 Franken aus der Verlegenheit. Mochten alle zusammenknicken, er trug das Haupt hoch und frei, nicht aus Selbstüberhebung – es fiel ihm nicht ein, über sich nachzudenken – Frohsinn war seine ganze Frechheit. Laurent blieb es unbegreiflich, daß der geckenhafte Geselle, den Eigensinn der Lebensfreudigkeit in jeder Fiber, sich in die Kutte des Nihilisten zwängen und mit einem Goltschmann in dicker Freundschaft leben konnte.

Wie im Opiumrausch taumelte dieser durchs Leben. Glühende Augen und ein mattes Lächeln – welch ein feuriges, todkrankes Gesicht, welch eine gesegnete, klägliche Natur! Stolz und schwach, hochtrabend und feige – ein Halbgott, der unter Menschen eine jämmerliche Rolle spielte. Vergebens beschwor ihn Laurent, der in ihm einen mächtigen Poeten erkannte, ja, einen gottbegnadeten, bizarren Poeten: »Schreiben Sie! Erleichtern Sie ihre Seele!« Vergebens wollte er ihm zu einer Existenz verhelfen und ihn berühmten Kollegen als Übersetzer empfehlen. »Die Goltschmanns thun nichts,« hätte Turgenjew sagen können. »Ich weiß es, das sind ja meine Helden!«

Bald verschwand er aus Paris, um in Wien aufzutauchen, oder kehrte plötzlich dahin zurück, geradewegs aus Madrid kommend. Stipendien waren sein Zehrgeld. Als einmal die Rede auf seine Wanderungen kam, und Laurent den Ausruf that: »Sind Sie aber beneidenswert! Ein Stück Welt gesehen zu haben, das lass' ich mir gefallen!« sagte er urplötzlich in einem Ton so grenzenlosen Kummers, daß selbst Laurent, dem harten Mann, Thränen in die Augen traten:

»Ist das auch 'was? Bin ja doch nur ein Fremdling im Leben. Trotz meiner achtundzwanzig Jahre hab' ich noch nie geliebt!«

II.

Als Laurent an einem Winterabend wieder einmal im russischen Restaurant einkehrte, fand er alles auf den Kopf gestellt. Düster in sich gekehrt aßen die Gäste drauf los. Trebatsch schien den Kopf verloren zu haben und schrie seine Töchter an. Die eine – Sascha oder Mascha? – hatte rotgeweinte Augen, und Adler saß abseits, gleichsam am Katzentisch, sein haschiertes Beefsteak mühsam hernnterwürgend.

»Diable, Sie schauen heut nicht lustig drein,« bemerkte Laurent.

»Ich hab' Ihnen etwas zu sagen,« flüsterte Adler.

»Gut, machen Sie, daß Sie fertig essen. Bei mir brennt ein gutes Feuer, da sollen Sie mir Ihr Herz ausschütten.«