Zitternd kam sie die Stiege herauf und horchte vor der Korridortür – kamen sie nicht etwa eben aus dem Eßzimmer?

Nein, es war still. Sie ging an der Wäschemangel und den Fahrrädern vorbei und öffnete leise die Tür zu ihrem Zimmer – ach herrje, da war ja die Mutter mit den beiden Schwestern. Sie hatte im Augenblick vergessen, daß sie ihr gleich von der neuen Aussicht geschrieben hatte, nun war die wieder gleich gekommen. Und Paula und Eva waren mit.

Paula war Wochenpflegerin und hatte wohl grade einen freien Tag, und Eva suchte eben wieder eine Stellung als Hausdame. Beide hatten sie die gleichen zartrosa Marquisengesichter, das helle, schöne, wie gepuderte Haar – nur ihre Gestalten waren nicht so prächtig entwickelt, nicht so germanienhaft, wie die Mais, und nicht so elegant. Frau Friedlein sah man an, daß sie die – Mutter dieser köstlichen Mädchen war – sie hätte gar nicht anders aussehen können. Und fein hatte sie sich gemacht, ein seidenes Kleid aus dem Schrank genommen – es war noch nicht bezahlt. Aber sie hatte sich vor dem reichen Schwiegersohn doch ins rechte Licht setzen wollen.

Unterwegs hatten sie schon hin und her überlegt: wenn Mai jetzt so eine gute Partie machte, konnte eine der beiden anderen immer abwechselnd zu ihr auf Besuch kommen, und dadurch war es sehr leicht möglich, daß sich auch vornehme Partieen für die fanden, so daß die Familie allmählich in ihr altes Milieu zurückdrang.

Die Mutter fragte Mai gleich: »Wie heißt er?« denn sie hatte den Namen vergessen.

Die Schwestern spitzten die Ohren, doch Paula, die Wochenpflegerin, die etwas psychologische Beobachtungsgabe und ziemlich viel Pessimismus besaß, merkte gleich, daß etwas nicht in Ordnung war.

Und nun fuhr es Mai auch gleich heraus: »Es ist nichts, ich habe mich in ihm getäuscht, er hat nur – nur – anbändeln wollen – –«

Die Mutter klappte den schönen Mund zu. Eva sagte: »Na ja,« denn sie hatte auch ihre Erfahrungen.

Paula meinte gleichmütig: »Mai muß doch noch mehr Verehrer haben,« aber die Mutter sprach eifrig: »Erzähle nur – vielleicht läßt sich noch etwas machen –«

»Da läßt sich nichts machen,« seufzte Mai, fuhr sich über die Stirn und begann zu berichten: »Der Schuft – der Schuft – so hat er's angefangen –«