Nach einer Weile stand Paula auf und verschwand unauffällig.
Frau Friedlein erhob sich auch und setzte sich ans Klavier. Es war ein altes Stück, Fräulein Mehlmann hatte es geerbt. Aber sie spielte gut. Perlend flogen die Töne auf – alle horchten – das klang schön –! Es war aus dem ›Zigeunerbaron‹: »Wer hat uns getraut –« Jetzt sangen alle mit: »Die Liebe, die Liebe ist eine Himmelsmacht –«
Auf einmal war Paula wieder da. Sie schlich in die heitere Gruppe und hatte die Hände voll Rosen: rote, purpurrote, weiße, gelbe Rosen. Sie waren noch ganz frisch.
Die Kanarienvögel schrieen verwundert auf: »Im Oktober so schöne Rosen? Woher kommen die –?«
Paula blinzelte Mai zu, die eine regungslose Miene machte. Dann begann sie zu verteilen, der einen eine weiße, der anderen eine rote Rose und so fort. Alle bekamen eine, sogar die Wehrendorf, und für Fräulein Haberkorn wurde eine aufgehoben und in ein Gläschen gestellt.
Fräulein Mehlmann goß noch einmal ein, und nun sangen alle wieder, von Rosen umduftet: »Die Liebe, die Liebe ist eine Himmelsmacht – –«
Auch Mai sang mit.
Jetzt ging die Tür auf. Es war ungefähr so wie im Märchen, wo sich die verregnete, vergnügte Musikantengesellschaft unter den großen Pilz gestellt hat und wo unverhofft die böse Besitzerin, die große Kröte, erscheint.
Es kam Fräulein Haberkorn.
Alle überboten sich in Liebenswürdigkeit, die Wehrendorf raffte sich sogar auf und rückte ihr einen Stuhl zurecht, es war nur leider verkehrt. Die Oberlehrerin nahm stirnrunzelnd auf dem Sofa Platz, bekam ihren Kaffee frischgewärmt, ihre Torte, ihre Knusperchen, ihre Sahne und ihre Rose. Darüberweg besah sie sich die Kleider der Anwesenden. Die Kanarienvögel bekamen gleich ein paar versteckte Lehren, weil sie augenscheinlich zu munter geworden waren.