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Ludwig brachte Christiane ein Buch, von dem sie gesprochen hatten, und fragte, ob sie zum Abend zu ihnen kommen könnte. Es sei aber niemand weiter da.
»Heute abend geht es nicht,« antwortete sie, das Buch leicht in der Hand drehend, »heute fahre ich nach der Oper. Götterdämmerung.«
»Siegfrieds Tod,« sagte er mit leichter Ironie, die sie nicht verstand.
»Ja, Ludwig, es ist mir hier manchmal zu eng,« sprach sie, aufstehend und ein paar unruhige Schritte durchs Zimmer machend, »ich muß etwas anderes haben, wenigstens einen Ton von Ungewöhnlichkeit. Es ist ja nur kurz,« fügte sie hinzu, »sieh, so musikalisch bin ich nicht, daß ich Wagner vollkommen verstünde. Ich habe nur gelernt, ihn zu verstehen. Das ist nicht viel. Im Anfang werde ich kalt sein. Ich werde die Pappen und die Leinwand der Dekorationen am deutlichsten sehen und die koketten Arme der Sängerinnen. Dann werde ich anfangen zu hören und für eine Weile im Strudel untertauchen. Aber wenn es aus ist, Ludwig, dann ist es auch für mich aus,« setzte sie traurig hinzu, »ich nehme nichts mit. Keinen Rausch, keinen Traum, keine Erhebung. Davon bin ich ausgeschlossen.«
»Aber warum suchst du dir nicht eine Sprache aus, die du ganz verstehst?« fragte er.
»Ich sage dir ja, ich suche das Ungewöhnliche,« antwortete sie.
Er sah sie schärfer an.
»Christiane, ist es dir zu – schwer?« fragte er halblaut, »dann – wirf's doch hin. Wirf die Sache hin. Such dir Größeres. Sieh, ich sprach damals nicht dagegen, als du kommen solltest, weil ich« – er stockte eine Sekunde – »weil ich dich wieder nahe haben wollte. Weil ich dachte, wir könnten uns auch so etwas sein. Du mir und ich – dir.«
»Was können wir uns sein, wenn unser Feuer so hinter dem Berge brennt,« erwiderte sie leise.