Mit zitternden Gliedern, halb besinnungslos, glitt sie nieder und ins Wasser hinein. Schnell. Schnell.
Es war grade die Stelle, an der Herr von Wratislawski Mai die Rosen überreicht hatte.
* * *
Vierundzwanzig Stunden später waren die Reutterschülerinnen und das ganze Kollegium zur Gedächtnisfeier für die Tote in der Aula versammelt. Diesmal sprach Christiane schwer und fest.
Die Herren und Damen spähten argwöhnisch zu ihr empor. Alle wußten, daß der schöne Doktor Bartelmes bei der gestrigen Revision recht schlecht abgeschnitten hatte. Er hatte es sich aber nicht weiter anfechten lassen, sondern auf der Stelle gekündigt. Was bedeutete ihm Markburg! Er hatte übrigens wieder ein neues ästhetisches Buch geschrieben, das kam zum Herbst heraus und würde seinen Ruhm verstärken. Aber hier –! Ironisch blinzelte er zu Christiane hin und strich den Bart.
Diesmal fand sie kein Beschönigen mehr. Vor allen Mädchen rief sie das Frauenschicksal auf, das vor ihnen hingeglitten war, ohne daß einer es nur recht erfaßt hätte. Desto mehr aber war seit gestern geflüstert worden. An verborgener Niedrigkeit brachten auch diese planmäßig zur Schönheit erzogenen Mädchen genug auf.
Nun aber hörten sie die Wahrheit.
Christiane sprach von den Frauen, in deren Leben kein anderes Feuer brennt, als das, das sie sich selber anzünden. Ada Wehrendorf hatte nie nach fremden Feuern gespäht, hatte nie eine Gnade, ein Glück erwartet, als aus ihrer Arbeit allein. Sie hatte so an der gehangen, daß sie ihren Verlust nicht überwinden konnte. Es hatte ihr Ruhe gewinkt, Pflege, ein Schutz. Sie hatte aber ohne ihr Werk nicht leben mögen. Nicht an irgend einer Sehnsucht war sie gestorben, sondern an dem Verlust ihres Schaffens. Sie hatte ihre Arbeit lieb gehabt.
Christiane riß die Kinder an sich heran – wie glühender Draht brannte es wieder in ihrer Rede auf – die Wehrendorf war einstmals eine von ihnen gewesen, eine der verwöhntesten – und wie mancher konnte es gehen wie ihr.
Sie spürte auf einmal: an diesem Leben hing auch Kampf, war nicht nur ästhetisches Genießen – das Blatt wandte sich für viele – und manche Seelen waren unter ihnen, die einen Schutz brauchten.