Sie schauten sich an.
Und jetzt, da die Wellen verebbten, die das Haus erfüllt hatten, jetzt, da die Fluten der Unruhe, der ungeheuren Verwirrung und verstörten Erwartung aus ihren Herzen strömten – jetzt sahen sie erst, was sündig hoffend, sündig begehrend, heimlich darunter gelebt hatte.
Beide sahen es in dieser Morgenstunde.
* * *
Zwei Tage später reiste Christiane ab.
Die Mutter war gekommen und wollte einstweilen bleiben. Mutter und Tochter waren sich genug.
Ludwig brachte Christiane zur Bahn. Es war der Berliner Frühzug, der von Alexandrowo kommt, russischen Staub an den Rädern trägt und voll unruhigen Slawentums steckt. Juden, Polen, Russen, fast alles Geschäftsleute. Dazwischen ein paar Uniformen, Offiziere aus den großen östlichen Garnisonen, und einige Agrarier. Da und dort eine versprengte Familie mit Kindern, hilflos und stumpf in ein neues Leben hineinfahrend.
Das Abteil, in das Christiane stieg, war wie alle anderen schon sehr gefüllt. Ludwig stand draußen. Sie konnten sich ansehen. Dann und wann rannte jemand dazwischen, der verschmutzte Schaffner, ein Kellner, der Zeitungsmensch, Reisende, die noch aufgeregt nach leeren Abteilen spähten. Dann schauten sie sich wieder an.
Immer unruhiger wurden die Menschen, immer schneller liefen sie. Vom Anfang des Zuges her kam ein sonderbares Geräusch immer näher. Schlag auf Schlag. Immer näher. Jetzt kam der Schaffner heran. Schlag auf Schlag.
Nun wurde ihre Türe gefaßt.