An dem Mann vorbei streckten sich ihre Hände einander entgegen. Fest preßten sie sich, eisenfest. Stark sah Auge in Auge, alles bekennend, rückhaltslos.
Der Schaffner war weitergegangen. Jetzt kam der Ruf, der Pfiff.
Ludwig faßte die Tür und drückte sie mit leiser Hand zu.
Dann verschwand der Bahnhof.
Christiane sah in die weiten Felder hinaus, in die ungeheure gelbe Ebene, und ein wildes Verlangen faßte sie: hierbleiben, an seiner Seite um dieses fremde Land, diese riesigen Weiten ringen, kämpfen; kämpfen – mit ihm! Sie hätte jeden Zoll des rasend wegfliegenden Bodens festhalten mögen – diesen fremden, starken, feindlichen, geliebten Boden!
Bleiben, bleiben wollte sie! Über diese Ebene mit ihm sausen, Pferd an Pferd, an diesen roten Abenden bei ihm sitzen, bleiben, bleiben wollte sie – – –!
Dann sank sie zusammen. Über ihr im Netz zitterte ihr Lehrerinnenkoffer. Dicht an sie heran drängte sich kleinbürgerliches, verschwitztes Volk – ach, zu dem gehörte sie ja! Vorbei der Junkertraum, fort die schmalen Zügel, die sie in der Faust gehalten hatte, fort das urheimlich traute Beisammensein!
Gelbe Felder, grüne Felder. Dann und wann eine kleine Station. Dann wieder die unendliche Weite, die der Zug noch immer nicht durchmessen hatte und die doch schon eine andere war. Weite an Weite, immer verschwindend und sich von neuem aufschließend, Land an Land, Osten, noch immer Osten.
Die Frauen im Abteil hatten es sich bequem gemacht. Die junge Polin in der Ecke hatte den Hut abgenommen, den Kragen geöffnet und nestelte eben am Korsett. Die verängstigte Mutter mit den vier kleinen schwarzen Russen holte Kissen und Decken aus dem Netz und breitete sie über die Polster. Die Kinder kauerten, schliefen, tranken Milch, rannten, trieben es wie zu Hause. Eine furchtbare Luft war in dem engen Raum.
Christiane bog sich vor: daß sie es nur nicht vergaß – jetzt mußte sie umsteigen. Ludwig hatte es ihr auf der Fahrt zum Bahnhof auseinandergesetzt; die Verbindung war nicht gut. Sie fuhr nach Dresden.