Ein Ruck, ein sirrendes Verschwirren der Luft – Christiane stieg aus, und wie Fächeln streifte sie der reine Felderatem. Sie kam in einen anderen Zug, und nun war es allmählich nicht mehr Osten. Sie fuhren durch einen Zipfel märkischen Landes mit kleinen Fabrikstädten, kamen durchs Wendische und dann nach Dobrilugk. Wieder mußte sie umsteigen, und der neue Zug verschwand mit schnurrenden Rädern in der Ferne. Christiane aber fuhr in einem anderen, in dem es nur noch die deutsche Sprache und ein begrenztes Provinzlertum gab, nach Dresden hinein.

Sie war ruhiger geworden. Wie ein dumpfer Schleier lag es über ihr. Der Osten verwischte sich, wurde zum Märchen, zu einem fremden Lied. Ihre Existenz wurde ihr haarscharf deutlich.

Christiane mußte sich nun so bald als möglich eine neue Stelle suchen. Da ihre Papiere von der Schweizer Pension her mit einer mißbilligenden Note behaftet waren, würde es nicht ganz leicht sein.

Sie fuhr nach dem Lehrerinnenheim, einem alten Bau in enger Stadtgasse. Erst wurde sie vom Portier, dann von der Oberin gemustert. Sie stand vor ihr und sah dabei traumhaft fern eine weiße Landstraße und darüber hin zwei sausende Pferde, hörte etwas von großer Überfüllung und wurde dann in ein winziges Erdgeschoßzimmerchen geführt, es war billig, wie alles dort. Aber wenigstens war sie allein darin. Ein hartes, uraltes Bett, ein Liegestuhl, ein kleiner Tisch, ein Schrank. An der Wand die Hausordnung. Es roch nach Fremde.

Dann ertönte eine Glocke. Sie fing unten im Erdgeschoß zu leben an und stieg gleichsam die Treppen empor, jeden Winkel mit Klingen ausfüllend. Auf einmal war nichts mehr als Glockenläuten im ganzen Haus, Türengehen und Schreiten. Christiane ging nach oben. Auf den Gängen waren Türen und an jeder ein Name. Hinter jeder wohnte der zitternde Rest eines Lebens. Manchmal stach ein besonders schön gestickter Klingelzug hervor oder ein zärtlich bemaltes Täschchen für die Besuchstafel.

Da waren die emeritierten Lehrerinnen. Etwas Eiliges war an ihnen, eine große Spannung beherrschte sie. Flure und Treppen waren jetzt voll gebeugter Frauen. Es gab gute Gesichter darunter, liebe Frauengesichter, die fein zu Großmüttern gepaßt hätten, und scharfe, spitze, denen man ein glückloses Altjungferntum ansah, gleichgültige Gesichter, die man schon tausendmal gesehen hatte, und einige voll Rasse und geprägtem Adelszug.

Der leise Strom glitt an Christiane vorbei wie das Leben selber. Nicht das Leben, das im Tragischen oder Lichten vollkommen ausgleicht und Farbe auf Farbe gewissenhaft setzt wie ein guter, braver Maler, sondern wie der große Künstler, der im Überreichtum seines Schaffens seine Werke nicht alle beenden kann, der oft nur Fragmente schafft, Proben, Übergänge und dabei allerlei wegwirft, das eines Besseren wert gewesen wäre.

Sie waren alle den Bächlein gleich, die durch das Land rinnen, still, schmal, da einen grünen Streif finden, dort eine Weile unter hängenden Blüten treiben, aber spurlos im Größeren aufgehen ohne ein Mühlrad gejagt oder ein Schifflein getragen zu haben.

Mit Spannung schauten sie auf ihren Platz und grüßten einander, die Köpfe mit den schwarzen Spitzenhäubchen höflich neigend und nach der Oberin schauend, vor der die Suppenschüssel stand. Die eine oder die andere hatte aus Gesundheitsrücksichten ein Gläschen Wein neben ihrem Gedeck, ein Tellerchen war daraufgelegt, damit der Duft nicht verflog.

Erst sprach die Oberin das Gebet, dann gingen die Teller ringsum, die Köpfe neigten sich darüber, das Essen begann, nur da und dort von mildem Gespräch unterbrochen.