Christiane horchte und verstand nicht viel. Da war eine von einer früheren, längst verheirateten Schülerin besucht worden, dort hatte eine einen Brief bekommen, dort huschte auch wohl ein kleiner Streit mit geduckten Flügeln.

An Christianens Tisch ging es lebhafter zu. Sie saß auf der Jugendseite, unter den Lehrerinnen, die sich gleich ihr nur vorübergehend im Heim aufhielten, meist Ferienvolk. Viele Sprachen wirbelten über den Tisch. Die Ungarin schwatzte von der Operette, die beiden Norwegerinnen redeten vom grünen Gewölbe, die Engländerin fragte ihre Nachbarin mit zähen Blicken nach allen Sehenswürdigkeiten aus. Eintrittskarten gingen von Hand zu Hand, Pläne wurden gemacht, da hatte eine einen Kniff heraus, wie eine Sache billiger zu bekommen war, und rief's triumphierend über den Tisch. Eine unendliche Vergnügungsgier beherrschte die meisten. Das ganze Jahr hatten sie für ihre Ferien gespart!

Christiane bemerkte dann noch andere darunter, die stiller waren und mehr vor sich hinguckten, das waren solche, die keine Stelle hatten. Schöne, stolze, frische Gesichter darunter, noch mit allen Jugendillusionen, mit romantischen Erwartungen und heißer Fernsehnsucht, mürbe, schwache, ausgemergelte Erscheinungen und solche mit großer Vortrefflichkeit im ganzen Wesen, glattgescheitelten Haaren und dem Klemmer – die richtigen Lehrerinnen.

Christiane machte sich mit keiner bekannt.

Nach Tisch ging sie durch die Stadt. Die Straßen glühten, und doch waren sie nicht schläfrig; man sah viel Fremde. Christiane entdeckte manches Schöne, manche Rasseerscheinung, aber auch viel Talmi, viel lächerliches Provinzlertum in Warenhäusern aufgeputzt, und die braven Dresdner selber, diesen Typen nicht ungleich. Sie sah die Talmikultur in den Läden und an den Bauten und begriff nicht, wie man die schöne Linie so mißhandeln, zerbrechen, vergewaltigen konnte. Wieder schweiften ihre Gedanken nach dem Osten zurück: dort war noch ein Boden, auf dem zu schaffen war, eine königliche Fläche, die tragen und leuchten konnte.

Sie kam an die Elbufer. Die fernen Hügel schwammen in blauem Duft. Der Strom strich sommerlich schwach, die Wagen und Bahnen polterten über die weißen Brücken.

Christiane stieg in einen Dampfer und fuhr nach Pillnitz.

Das Boot war voll. Auch hier Fremde, einige rassig, elegant, voll hochmütig überlegener Kultur, still sich zurückhaltend, daneben die Familienrudel mit den unruhigen Kindern. Da und dort ein Künstlerkopf, ein Künstlerschauen, aber überragend die Masse, der ewig plappernde Durchschnitt. Der Dampfer fuhr unter den weißen Brücken mit den gelben und roten Bahnen hindurch, und nun sah man die Villenvororte, die weißen Häuschen an den Bergen, die Schlösser der großen Herren und der Künstler, die Protzenbauten der Reichgewordenen und die Massenrestaurants. An den Badeanstalten flatterten die Wimpel.

Hügel um Hügel glitt vorbei. Der Strom bekam ein wenig Weite und Einsamkeit. Dann leuchtete das grüne Dach des Schlosses zu Pillnitz. Christiane ging an ihm vorüber durch den Park in den Wald. Der Weg wurde einsam. Sie ging lange, bis sie an eine Mühle kam, die jetzt Wirtschaft war. Dort rastete sie. Es war still, ganz still.

Als sie wieder aus dem Walde an den Strom kam, sah sie, daß der Himmel sich umzogen hatte. Von den fernen Bergzügen merkte man nichts mehr, ein grauer Dunst kroch bergauf. Auf dem Dampfer sammelten sich schon die Leute. Das Wasser war grau.