Mit ihr reiste die kleine Wehrendorf, die an dieselbe Anstalt kam, aber des minderen Zeugnisses wegen ›au pair‹.
Das Schweizer Institut war ein Erziehungskasten von oben bis unten. Die Leiterin war sehr fett und behäbig. An Zöglingen waren ungefähr achtzig da, darunter viele Bräute. Es wurden Wissenschaften getrieben, gekocht, genäht, geputzt, gestickt, gemalt, gebrannt, Tennis und Golf gespielt und getanzt. Es gab Unterricht in Sprachen, Musik, Gesang, Gymnastik, Rezitation und Körperpflege. Man hatte in einem Jahr ausgelernt oder in einem halben. Es gab auch Vierteljahrs- und Monatskurse, ganz nach Wunsch, und immer hatte man ausgelernt. Eine Auslese fand nicht statt, nur eine Trennung nach Rang und Stand und Geld. Man unterschied einen Flügel der Aristokratinnen, unter denen auch eine junge Freiin von Rhane war, eine Abteilung der Ausländerinnen und noch viele andere Gruppen bis zu den reichen Fabrikanten- und Handwerkertöchtern. Die Zimmer, die den besichtigenden Eltern gern gezeigt wurden, waren blank und hell, wie Ziervogelkäfige.
Christiane aber bewohnte mit drei Kolleginnen ein enges Kabinett im Hintergebäude, in dem zwei alte Holzbetten der Quere nach nebeneinander und zwei an der Wand standen. Dazwischen war nicht viel Raum. Im Flur befand sich ein wurmzerfressener Kleiderschrank, in dem die vier Lehrerinnen ihr Eigentum aufbewahren konnten, und unter dem schmalen Zimmerfenster war eine Bank etabliert, unter der das Schuhwerk stand, während man die Oberfläche ganz gut als Tisch benutzen konnte.
Die Lehrerinnen durften nur dunkle, hochgeschlossene Kleider und glattgestrichene Haare tragen.
Christianens Bettnachbarin war eine nicht mehr junge Holsteinerin, die beiden anderen eine Engländerin mit einem dunklen warmen Schmeichelgesicht und eine magere Französin, die etwas von einer Ziege an sich hatte. Diese beiden trieben bei guter Laune Spaß, nannten sich die ›Babies‹ und stellten sich an, als ob Christiane und die Blonde Vater und Mutter seien und das Ganze eine warme Familienstube. Die Holsteinerin sagte nie ein Wort dazu. Einmal erwachte Christiane von etwas Merkwürdigem, horchte in die ferne Mondnacht hinaus und merkte auf einmal, daß ihr ganzes Lager zitterte. Neben ihr lag die Holsteinerin in einem furchtbaren, rüttelnden, lautlosen Weinen.
Am Morgen wagte Christiane die andere kaum anzusehen, aber die hatte keine Ahnung von der Beobachtung, sondern tat ihre Pflicht in derselben verschlossenen Art wie zuvor.
Die arme Wehrendorf hieß bald nur das ›Sneewittchen‹.
Die junge au pair-Lehrerin mußte nämlich aus Platzmangel in einem gläsernen Erker schlafen, der an ein Zimmer der Pensionärinnen grenzte und nur Raum für das Bett und eine Waschkiste bot. In der Tiefe lag der See, und die Schwalben strichen ganz nahe an den nur mit dünnen Gardinchen verkleideten Scheiben vorbei. Es gab viel Gekicher unter den verwöhnten jungen Damen, wenn die Lehrerin in ihr Glaskästchen ging, und die Wehrendorf trug es stumm und ergeben wie das Pechkind im Märchen.
Die dicke Leiterin konnte mit dem großen Unternehmen allein nicht fertig werden, sondern hatte als Stab ein paar ältere Lehrerinnen um sich, unter denen besonders ein zähes, dürres Fräulein Beierlein hervorragte, die sich mit der Ausbildung der ›Neuen‹ beschäftigte.
Die konnten ihre mühsam erworbene Schulweisheit getrost in den Koffer packen. In diesem Erziehungskasten ging es nur darum, sich die Zufriedenheit der Zöglinge und deren Eltern zu verschaffen – wehe der Lehrerin, über die eine junge Dame sich beklagt hätte! Und dreimal wehe der, um deretwillen eine Pensionärin verloren gegangen wäre! Die achtzig wurden behütet wie Gold – das war Geschäft!