Die Miß und die Französin standen in einem bewährten Freundschaftsverhältnis mit der Beierlein und hatten die Organisation dieses vortrefflichen Institutes vollkommen begriffen. Christiane und die Wehrendorf aber hörten alle Augenblicke den windschnellen Schritt der Vorgesetzten hinter sich und wurden mit nadelscharfen Blicken aufgespießt und von spitzigen Worten ins Herz getroffen.

Was der Mann am Weib verschulden kann, reicht in aller Welt nicht an das, was eine Frau der andern anzutun vermag, besonders, wenn die eine alt, die andere jung, die eine übergeordnet und die andere untergeben ist!

Die beiden kamen aus den Unterrichts- und Aufsichtsstunden nicht heraus. Der Dienst währte von morgens sechs Uhr bis abends um zehn Uhr. Die Wehrendorf mußte auch Zimmer putzen, die jüngeren Zöglinge baden und kämmen und der dicken Vorsteherin bei der Toilette helfen. Freistunden gab es nicht. Ausgänge auch nicht. Mit den Zöglingen gingen immer nur die älteren Lehrerinnen.

Christiane kam kaum in den Garten, erblickte Wald und See und Berge nur von den Fenstern und Terrassen aus und hatte von der neuen Welt nur ganz verwischte Vorstellungen. Sie hörte die Pfiffe der Züge, mit denen sie in den Tunnel glitten, das Geläut, mit dem sie wieder herauskamen, die Signale der Dampfer und die Stimmen der Touristen.

Oft wurden junge Mädchen von ihren Anverwandten abgeholt und kamen abends froh erregt wieder. Blumen wurden bei jeder Gelegenheit hereingeschleppt und die Pensionszimmer malerisch damit geschmückt. Es gab große Ausflüge, sanfte Besteigungen und Dampferpartien, an denen die beiden jungen Lehrerinnen aber nicht teilnehmen durften. Eine Freude blieb der armen Wehrendorf: sie mußte jeden Sonntagabend die an diesem Tag laut offizieller Erlaubnis geschriebenen Briefe der Zöglinge nach der weiter unten im Ort befindlichen Poststation bringen. Mit Stößen von legitimen Liebesbriefen zog das arme, häßliche Sneewittchen los und genoß die kurze Freiheit.

– – Christianens Nerven begannen zu versagen. Ihr grauste vor dem Lärm, dem Geschnatter, dem mechanischen Unterricht, den unaufhörlichen Aufsichtsstunden, dem Aufpassen der Beierlein und dem nächtlichen Zusammensein mit den Kolleginnen. Ergab sich am Tage einmal ein passender Moment, so stürzte sie nach oben in ihr Zimmer, in dem um die Zeit niemand war, verriegelte die Tür und starrte aufatmend um sich: allein! Allein! Ihre Blicke wanderten. Scheu horchte sie nach außen und atmete von neuem auf: allein – allein –!

Leise schlich sie an ihr Kommodenfach. Doppelt verschlossen lag da ihr bißchen Eigenes: ihre Zeugnisse, die Briefe der Mutter und die Tagebücher der Frau von Rhane! Wie gut, daß sie vor der Abreise noch die Mappe gekauft hatte – jetzt hatte sie doch ein Fleckchen für sich!

Allein – allein – – – –

Da rief es schon draußen, da trippelte es und klopfte an die Tür: »Fräulein Dorreyter! Fräulein Dorreyter!« Christiane fuhr, öffnend, zurück – das Fräulein von Rhane! Jäh sah sie, was sie noch nicht gesehen hatte: das Jugendgesicht der Mutter, die Rhanesche Schönheit.

»Fräulein Beierlein läßt bitten,« sagte die junge Aristokratin in dem wenig respektvollen Tone, den die Pensionärinnen für die Unterlehrerinnen hatten.