Er hatte die Tür zum Gang geöffnet.
»Hanni!«
Jetzt kam sein Kind und knickste scheu.
Christiane merkte, daß es in ihr weniger die Verwandte, als die Erzieherin sah. Hanni war weder dem Vater noch der Mutter ähnlich, sondern mußte ihren Typ wohl von irgend welchen längst verschollenen Vorfahren geliehen haben. Es war kein angenehmer Typ. Das spröde, blonde Haar hing strähnig um das schmale, feste, unkindlich herbe Gesicht, der Blick der Augen war eng und kalt, und ebenso eng und kalt fielen die spärlichen Antworten; der Widerstand der kleinen Schultern, auf die Christiane ihre Hand gelegt hatte, war unmerklich eisenstark.
Christiane sah betroffen auf und gewahrte, daß Ludwig sich abwandte. Er sah nach seinen Büchern hin.
Jetzt pochte das Mädchen und meldete, daß die gnädige Frau zu sprechen sei.
Ludwig führte Christiane die Treppe hinab zu Hardi. Dieses Zimmer kannte sie noch nicht. Die Möbel waren weich und hell und mit Rücksicht auf viel Liegen und viel Bequemlichkeit aufgestellt. Ein Rollstuhl fehlte nicht. Alles war wie im Krankenzimmer. Keine Blume, kein Buch.
Hardi lag in einem dünnen, lilafarbenen Gewand auf dem Ruhebett und hob sich nur schwach, mit zwinkernden Lidern.
Ihr kleines Gesicht zeigte noch immer die merkwürdige Mischung von Pikantem und Sentimentalem. Sie sah gut aus, großäugig, fast schmachtend, und doch war etwas von leisem Welken an ihr, vom frühen Vergehen der blassen, gelblichen Resedablüten, wenn sie geschnitten sind. Sie maß die Schwester eine Weile und ließ dann davon ab. Ihre Augen irrten zu Ludwig hin, senkten sich aber gleich wieder.