Gleich nebenan war das Zimmer des Fräulein Dorette Jong, das letzte auf dieser Seite der Etage. Ein bescheidener Raum mit geringeren, verbrauchteren Möbeln, aber mit einer Unmenge von Blumen und Büchern. Nicht nur das Handwerkszeug, sondern eigene Bücher, gelesen, gekannt, zärtlich gestellt, Reihe an Reihe. Rechts ein Bord, links ein Bord und über dem Sofa noch ein vollgepacktes Brettchen, an ganz dünnen Drahtfäden hängend. Es sah ängstlich aus.
Die Lehrerin hatte den Kater im Arm.
»Er ist bange,« sagte sie nach unbefangener Begrüßung, »was hat er denn erlebt? Wie seine Augen ausschauen, wie seltsam der unbekümmerte Raubtierausdruck mit einem Schrecken, ich möchte fast sagen, mit einer seelischen Enttäuschung kämpft –«
Frau Dorreyter lachte. »Verwöhnen Sie das Tier nur nicht gar zu sehr! Was haben Sie davon!«
»Es ist uns gleich,« sprach Fräulein Jong ruhig.
Sie hob es ein wenig hoch. Es war fast wie eine zärtliche kundige Mutterbewegung, aber es glänzte auch etwas Selbstironie in den Finkenaugen.
»Ich bin halt nicht so modern,« sagte sie.
»Vielleicht sind wir das alle nicht,« sprach Christiane.
»Aber es gibt solche, die schon als alte Jungfern auf die Welt kommen,« erwiderte die Jong. »Ich gehör dazu. Als kleines Mädel hab ich mich immer nur gewundert, daß ich jung bin. Als ich dann unversehens ins dreißigste Jahr rückte, dacht ich: nun hast du's ja. Nun kannst du dir ruhig deine Katze anschaffen und die Blumen ...« Sie deutete zum Fenster. »Frau Hauptmann schilt wohl immer über den vielen Kram beim Reinemachen, aber ich bringe sie doch nicht weg.«
Christiane sagte ruhig: »Es ist doch nicht Ihr Einziges.«