»Immer Courage,« sagte die Jong, »vor mir brauchen Sie sich nicht zu genieren, wir sind ja Kolleginnen, da hilft doch mal eine der anderen. Und später rücken Sie hier ganz in unseren hohen Kreis ein – in den der Damen vom Reutterschloß!«
»Wenn es nur würde,« sprach die Wehrendorf.
»Es wird schon. Nur immer Mut. Es stört Sie doch nicht, daß Sie noch keine eigene Stube haben?«
Ada hob nur die Schultern. Leise sagte sie: »Ich hätte dort im Hospiz morgen ... nicht mehr wohnen können.«
»Sie armes Tier. Na, das ist keine Beleidigung, mir sind die Tiere so gut wie die Menschen. Kommen Sie, wir wollen auspacken!«
Frau Dorreyter eilte hinaus, um Kaffee zu holen, und Christiane folgte ihr.
Auf dem Gang begegneten ihr Mai Friedlein und die Kanarienvögel, die eben heimkamen. Die prangende Schönheit Mais bestürzte sie wieder wie beim ersten Anblick – die gehörte nicht vor Schulbänke, sondern in seidene Kleider und in heiße Hände, zu Liebe und Verlangen! Das war die Eva aller Zeiten.
Während des Gesprächs wurde ihr Urteil kühler – viel Temperament und Intelligenz schien nicht vorhanden. Flüchtig sah sie in Mais Zimmer, einen überputzten, hellen Mädchenraum mit dem Geruch von Parfüm und gebrannten Haaren.
Die Kanarienvögel hausten dagegen in einem engen Hofkämmerchen, dessen einziger Schmuck ein großes Plakat über den Betten war: ›Mensch, ärgere dich nicht!‹ Auf dem Tisch stand eine Schachtel Schokolade.
Als Christiane nachher heimging, hatte sie neben dem Eindruck ihres seltsam verwandelten und belebten Jugendheims das Gefühl, ihre Mitarbeiterinnen an dem Nachmittag ganz gut kennen gelernt zu haben.