»Ich erkenne, er hat recht gethan, wenn mir auch die Abgemessenheit seines Styls anfangs nicht zusagte. O, mein von dem langen Weh durchkältetes Herz verlangt ungestüm nach dem warmen Liebeswort, um sich daran zu erquicken; darum befriedigten mich seine Worte nicht. Ich sehe jedoch meine Unbilligkeit ein. Gewiß, gewiß, er konnte nicht anders. Was der Gesandte des Fürsten zu sagen hatte, hat er ausgesprochen; was der Freund, was sein Herz zu sprechen hat, durfte nicht durch die Schrift ausgedrückt werden, das mußte von Lippe zu Lippe, von Herz zu Herzen gehen,« fiel Sidonie eifrig ein und fügte alsdann hinzu: »Und was hast Du ihm geantwortet?«
»Ich habe ihm geantwortet, daß es Dein Wunsch ist, ihn um die eilfte Stunde in Gegenwart des Hofes zu empfangen und das Schreiben des Herzogs, sowie die mündlichen Aufträge desselben entgegen zu nehmen,« entgegnete Aurelie mit Betonung.
»O, mein Gott!« seufzte Sidonie bestürzt.
»Beruhige Dich, meine Freundin; es mußte so sein. Ich erkannte jedoch auch die Nothwendigkeit, daß Du ihn vorher sehen und sprechen müßtest,« fuhr Aurelie fort.
»Von Herzen danke ich Dir!« rief Sidonie und umarmte die Freundin. »Du wußtest, wie es sein mußte, sollte ich mich nicht verrathen, was jedenfalls geschehen wäre, hätte ich ihn zum ersten Mal vor dem ganzen Hof empfangen müssen. O, wie süß und schön wird jetzt das Wiedersehen sein! Wie übermannt mich der Gedanke, den lang entbehrten Freund, den ich nicht mehr zu sehen erwartete, nun als Boten der Liebe zu schauen und Auge in Auge der schönen Vergangenheit schweigend zu gedenken. — — Doch wie richten wir es ein, um seinen Besuch zu verheimlichen? Erführe die Oberhofmeisterin diesen Verstoß gegen die Etikette, so würde sie sogleich Argwohn schöpfen. Du weißt, sie beobachtet mich mit der Begier, jede Regung meines Herzens zu entdecken und sich in mein Vertrauen zu stehlen, um Herrschaft über mich zu gewinnen. Verderbt, wie sie und das Leben hier am Hofe und in der Residenz ist, glaubt sie an keine Tugend des Weibes und ersehnt daher den Augenblick, in welchem ich eine Schwäche zeige, um über mich zu triumphiren und ihren Vertrauten in die Ohren zu flüstern, daß ich eine Scheinheilige wäre, wie alle Anderen, und meine Sittlichkeit mir daher keinen Platz über ihnen gestattet. Du kennst das Alles; nun sage, wie soll es mir möglich werden, den Grafen vorher unbeobachtet zu sprechen?«
»Ich habe alle diese Dinge natürlich genau erwogen und den Grafen zugleich gebeten, mich um die neunte Stunde zu besuchen, um ihm noch Näheres über die gewünschte Audienz mitzutheilen,« entgegnete Aurelie, zögerte jedoch fortzufahren, indem sie die Prinzessin bedeutsam anblickte.
»O, ich verstehe, Du Gute!« fiel Sidonie leise und freudig ein und drückte der Freundin die Hand. »Ich bin überzeugt, von Bernhard verstanden zu sein, und so wird er sich bemühen, ohne Aufsehen zu mir zu gelangen. Aus meinem Zimmer werde ich ihn dann nach dem Blumenhaus führen, dasselbe grenzt an den Gartensaal und ist durch eine offene Thür mit dem letzteren verbunden. Der Prinz ist nicht hier und wird wahrscheinlich erst um die Mittagszeit zurückkehren; seine Diener und Beamten betreten den von Dir bewohnten Flügel des Schlosses nicht, eben so wenig den Gartensaal oder das Blumenzimmer. Die Oberhofmeisterin und die übrigen Hofdamen erscheinen erst gegen die zwölfte Stunde und es ist von ihnen daher keine Störung zu befürchten. Komm’, meine theure Sidonie, um die bezeichnete Zeit unter dem Vorwande eines Spazierganges nach dem Saal, und ich hoffe, Du wirst Bernhard dort alsdann ohne Zeugen sehen und sprechen können.« —
Mit glänzenden Augen hatte Sidonie dem Munde der Freundin die mitgetheilten Worte abgelauscht, ab und zu mit dem lieblichen Haupt beifällig nickend; als Aurelie endete, schloß sie diese bewegt und schweigend in die Arme; ihr fehlten die Worte zum Ausdruck des dankbar und freudig bewegten Herzens.
»Ich denke, Du hast nichts zu besorgen und Alles wird sich nach unseren Wünschen fügen,« fuhr Aurelie fort. »Wie sehr freue ich mich über des Prinzen Abwesenheit, die es uns möglich macht, eine solche Begegnung zwischen euch herbei zu führen. O, ich gestehe Dir offen, meine theure Sidonie, der Gedanke, Du solltest den Grafen in Gegenwart des Hofes zum ersten Mal wiedersehen, hat mich schwer beunruhigt, bis ich mich von der Nothwendigkeit überzeugte, die kleinere, unbestimmte Gefahr der größeren und gewissen vorzuziehen. Denn Dein Zusammentreffen mit dem Grafen in dem Gartensaal kann als die kleinere bezeichnet werden; jedenfalls würde Dich für den Fall eines Verraths keine Schuld treffen, sondern diese lediglich auf mich gewälzt werden, und ich denke, ich werde mich zu entschuldigen wissen. Geh’ nun an Deine Toilette, meine Freundin. Es ist bereits acht Uhr; in einer Stunde also führe ich Dir den Freund zu.«
Nachdem die beiden Frauen noch einige leise Worte über diese Angelegenheit gewechselt hatten, begab sich die Prinzessin nach dem Ankleidezimmer, woselbst ihrer bereits die mit der Toilette betrauten Dienerinnen harrten.