Fräulein von Ketten schaute ihr in schmerzlicher Bewegung und gedankenvoll nach und entfernte sich alsdann gleichfalls. In der Hand barg sie das bedeutsame Medaillon, das sie beim Betreten ihrer Wohnung in einer Cassette verschloß, deren Schlüssel sie stets bei sich zu tragen pflegte.

Eine große Sorge schien ihr Herz zu erleichtern, nachdem dies geschehen war.

Ehe sie das Medaillon bewahrte, hatte sie dasselbe mit großer Theilnahme betrachtet und dabei seufzend die bedeutsamen Worte vor sich hingesprochen:

»Armer Bernhard, unglückliche Sidonie!« Diese Worte des innigsten Bedauerns waren leider nur zu sehr gerechtfertigt.

Prinzessin Sidonie war die Tochter eines regierenden Herzogs und seit drei Jahren mit dem Prinzen Albert vermählt. Diese Verbindung war auf den Wunsch des Oheims des Prinzen, des regierenden Fürsten, zu Stande gekommen und konnte keine glückliche genannt werden, da die Neigungen und Charaktere der beiden Gatten eine viel zu verschiedene waren, als daß man von diesem Bunde Heil erwarten durfte. Es war zur Zeit Ludwig des Fünfzehnten, einer Zeit der höchsten Entsittlichung, namentlich an dem französischen Hofe, worin demselben die deutschen Höfe nachzuahmen bestrebt waren, wie in den französischen Gebräuchen und Moden. Dies war auch am Hofe des Fürsten im ganzen Umfange der Fall, und Prinz Albert huldigte dem frivolen Zeitgeist mit ganzer Hingabe.

Sidonie war an dem kleinen Hofe ihres Vaters erzogen und hatte sich, unberührt von jenen Einflüssen, die ihrem Elternhaus fern blieben, zur sittenreinen Jungfrau entwickelt. Ausgestattet mit einer Fülle weiblicher Reize, einem für alles Schöne und Edle empfänglichen Geist und unbekannt mit dem sittenlosen Treiben an den Höfen, hatte sie still und harmlos gelebt, gepflegt von der liebenden Elternhand und der nicht minder liebenden Hand der Freundschaft.

Ihr Herz fühlte sich in dem engen Kreise ihrer Familie, in dem unbeschränkten Genuß der sich ihr in großer Schönheit darbietenden Natur und in dem eben so unbeschränkten Umgang mit ihren Jugendfreundinnen und Freunden vollkommen befriedigt, und es drang nicht die leiseste Ahnung in ihre unbefangene Seele, ihr glückliches Leben könnte jemals enden oder eine unheilvolle Wendung nehmen. Dieser beglückende Glaube fand um so mehr Raum in ihrem reinen Herzen, da sie, fern von aller Eitelkeit und dem Ehrgeiz, eine hervorragende Rolle zu spielen und also einst einem bedeutenden Fürsten verbunden zu werden, sich in der Hoffnung beglückt und befriedigt fühlte, dem Manne ihrer Liebe dereinst angehören zu dürfen.

Graf Bernhard Römer war dieser Mann, der, um etwa zehn Jahre älter als sie, ihre Zuneigung in hohem Grade gewonnen hatte. Ihre Liebe zu ihm keimte bereits in dem Kindesherzen und entwickelte sich in der heranreifenden Jungfrau, durch die eigenthümlichen Umstände begünstigt und genährt, zur schönsten Blüthe.

Der Graf war nämlich ein an dem Hofe von Sidoniens Vater gern gesehener Gast und fand dadurch Gelegenheit, dem aufblühenden Mädchen häufig nahe zu sein, das von seiner edlen, ritterlichen Persönlichkeit, von seinem männlichen, ernsten, durch Milde und Seelengüte verschönten Wesen um so stärker angezogen wurde, da sie ein unbefangenes und für das Edle empfängliches Herz besaß, das in jeder Hinsicht mit dem seinen übereinstimmte. Mit jener vertraulichen Unbefangenheit, welche der reizende Vorzug eines reinen weiblichen Herzens zu sein pflegt, kam ihm Sidonie entgegen, und der Graf nahm das ehrende Geschenk des Vertrauens und der Achtung um so dankbarer an, da er Sidonie schon als Kind geliebt und sich seine Neigung während ihrer reizenden Entwicklung zur Jungfrau nur noch gesteigert hatte.

Er war jedoch besonnen und edel genug, ihr seine Neigung zu verhehlen und sich ihr gegenüber stets als der achtungsvolle Freund zu zeigen, wie es sich für ihn im Hinblick auf ihren fürstlichen Stand geziemte. Fühlte er sich auch durch ihre liebende Hingebung hochbeglückt und verlieh ihm dieselbe einen gewissen Anspruch auf ihren Besitz, so übersah er dennoch nicht, daß ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit sie zu einer hohen Stellung berechtigten, und erachtete es für eine Ehrenpflicht, ihr bei dem Eintreten einer solchen Wendung das Entsagen seiner Liebe durch ein Geständniß oder Entgegenkommen nicht zu erschweren, oder vielleicht unmöglich zu machen. Der Graf liebte zu tief und zu rein, um jemals das Wohl Sidoniens aus dem Auge zu verlieren. Die Eltern der Letzteren ahnten von der gegenseitigen Zuneigung nichts; das zwischen beiden bestehende freundschaftliche Verhältniß erschien natürlich, da es sich bereits seit der Kindheit der Prinzessin gebildet und man sich also mit der Zeit daran gewöhnt hatte.