Ueberdies schätzten sie des Grafen Umgang besonders hoch, da derselbe nicht nur unterhaltend war, sondern auch auf Sidoniens geistige Entwicklung einen nicht unwichtigen Einfluß ausübte.

Denn der Graf bot eine sehr lobenswerthe Ausnahme unter seinen Standesgenossen dar, indem er, was in jener Zeit sehr selten geschah, sich eine wissenschaftliche Bildung angeeignet hatte und den damals üblichen, ziemlich rohen und seichten Belustigungen des Adels nichts weniger als huldigte. Seine ganze Naturanlage hielt ihn davon zurück, ebenso seine Vorliebe für Künste und Wissenschaften. Sein Wesen war ernst und zurückhaltend, doch auch herzlich und entgegenkommend, sobald er sich Gleichgesinnten nahte, die seine Seele sympathisch berührten.

Ein nicht geringerer Vorzug war sein fester, besonnener Charakter und die ihm innewohnende Energie, mit welcher er seine Absichten und seinen Willen durchführte. Trotz der eben bezeichneten edeln Entschlüsse hatte der Graf dennoch nicht auf das Glück der Liebe und den Besitz der Prinzessin verzichtet. Denn welche Liebe wäre ohne alle Hoffnung, ihre heißen Wünsche erfüllt zu sehen! — Von Sidoniens voller Hingabe überzeugt und ebenso überzeugt, daß sie selbst die glänzendste Stellung ihrer Liebe mit Freuden opfern würde, däuchte seinem Selbstgefühl Sidoniens fürstlicher Stand kein unbesiegbares Hinderniß.

Seine Familie gehörte zu dem ältesten und begütertsten Adel, war hochangesehen bei seinem Fürsten und ein Zweig derselben bereits mit einem regierenden Fürstenhause durch Vermählung verbunden.

Was ihn jedoch zu der bezeichneten Zurückhaltung gegen Sidonie ganz besonders bewog, waren die von dem Herzog zufällig gemachten Andeutungen über die Berechtigung seiner Tochter zu einer glänzenden Stellung, zu welcher ihn die sich immer reicher und schöner entfaltenden Vorzüge Sidoniens zu veranlassen schienen.

Es wiederholt sich dasjenige in den fürstlichen Familien, was ein Gegenstand hohen Interesses in allen anderen Ständen zu sein pflegt: man bemüht sich, seinen Kindern eine vornehmere und glänzendere Lebensstellung, als es die eigene ist, zu verschaffen, indem man dadurch für sich selbst ein höheres Ansehen zu erzielen hofft, ganz abgesehen von dem natürlichen Verlangen, seine Kinder dadurch zu beglücken. Der Herzog besaß nur diese eine Tochter und außerdem zwei Söhne, von welchen der älteste ihm einst in der Regentschaft folgte und der jüngere eine militärische Stellung in dem Heere des Oheims des Prinzen Albert einnahm; es konnte also nur durch Sidonie seinem Hofe dereinst ein vermehrter Glanz durch die Vermählung mit einem mächtigen Fürsten verliehen werden.

Dem Grafen war dies Alles bekannt, und es stand der Entschluß daher in ihm fest, bis zu dem Zeitpunkt, in welchem Sidonie ein gereifteres Alter erreicht hatte, ruhig auszuharren und dem Weiteren entgegen zu sehen, ehe er mit seiner Werbung vorging.

Bewahrte sie ihm ihre Liebe und bestätigten sich die Voraussetzungen des Herzogs nicht, so hoffte er alsdann mit um so größerer Sicherheit auf Erfolg seinen Antrag machen zu können.

Ueberdies däuchte ihm das Harren nicht zu schwer.

Seine Besitzung lag an der Grenze des kleinen, in einer Stunde zu erreichenden herzoglichen Hofes und gestattete ihm daher den lebhaftesten Verkehr mit der Geliebten; er entbehrte sie daher nicht und fühlte sich in ihrem Umgange beglückt. In ihrer Liebe besaß er sie ja; jeder neue Tag, den er mit ihr verlebte, überzeugte ihn immer mehr davon, überzeugte ihn, wie weit entfernt Sidonie war, die Pläne ihres Vaters zu theilen, ja nicht einmal zu ahnen.