So hatte die Prinzessin das achtzehnte Jahr erreicht und sich zur reizenden Jungfrau entfaltet, worauf ihre Liebe zu dem Grafen und dessen bildender Umgang einen sehr wesentlichen Einfluß ausgeübt hatten. Mit stiller Wonne ruhte des Grafen Auge auf ihr, sei’s, wenn er mit ihr plaudernd den Garten durchwanderte, oder ihre Pferde auf weiteren Ausflügen neben einander gingen, und vielleicht mehr noch, wenn ein ernstes Gespräch sie vereinte, oder Sidonie ein Lied sang und mit der Harfe begleitete, die sie meisterhaft spielte.
Ein so inniger Umgang war nur zu sehr geeignet, ihre Seelen mit der Zeit immer fester zu verketten und sie mit dem heißen Wunsch zu erfüllen, es möchte ihr Glück nie und nie aufhören.
Sidonie hatte sich darin bereits so ganz eingelebt, daß ihr der Gedanke durchaus fern lag, es könnte jemals anders werden; denn so sehr auch der Graf bemüht war, ihr seine Zuneigung durch ein stets achtungsvolles und zurückhaltendes Benehmen zu verhüllen, hatte sie dennoch mit dem ihr innewohnenden Feingefühl schon lange seine Liebe zu ihr erkannt und gehörte ihm darum mit ganzer Seele an.
Zweites Kapitel.
Was der Graf vorausgesehen, traf sehr bald ein, Der Ruf von Sidoniens Liebenswürdigkeit verbreitete sich und zog einen und den andern Fürstensohn an des Herzogs Hof, der in der Absicht kam, sich um sie zu bewerben. Alle verließen denselben jedoch, ohne ihre Wünsche erfüllt zu sehen; Sidoniens Benehmen hatte ihnen jede Hoffnung genommen, irgend welchen Eindruck auf sie gemacht zu haben.
Dem Herzog war das durchaus genehm, da die Bewerber nicht nach seinem Sinn und Söhne nur unbedeutender Fürstenhäuser waren.
Diese Bewerbungen übten jedoch auf Sidonie einen besondern Einfluß aus, indem sie durch dieselben zu der Betrachtung geleitet wurde, warum der Graf nicht bei ihren Eltern um ihre Hand warb, um ähnlichen Vorkommnissen vorzubeugen. Was konnte ihn davon abhalten? so fragte sie sich; wußte er nicht, daß sie ihn liebte und ihm angehören wollte, und liebte er sie nicht auch? — Weshalb zögerte er daher, das sie so beglückende Wort auszusprechen? — Sie konnte es nicht begreifen; hegte jedoch zu viel Vertrauen und Achtung vor ihm, um sich seinem Willen nicht gern zu unterwerfen. Gewiß, so sagte sie sich, hatte der Graf bestimmte Gründe, die ihn davon zurückhielten.
So wollte sie sich geduldig fügen, und that dies um so bereitwilliger, da sie überzeugt war, früher oder später ihm anzugehören. Sie ahnte des Grafen Entschlüsse in dieser Beziehung nicht, und wurde in ihren Erwartungen um so mehr befestigt, da ihr Vater die Ablehnung der stattgehabten Bewerbungen billigte, indem ihr dieser Umstand zugleich als der sichere Beweis diente, daß man sie bereits als die künftige Gemahlin des Grafen betrachtete. Um so unbesorgter gab sie sich ihrer Liebe und den angenehmsten Hoffnungen für die Zukunft hin.
Sie sollte leider sehr bald zur Einsicht ihrer lieblichen Täuschungen gelangen.
Des Prinzen Albert Oheim war zwar vermählt, seine Ehe jedoch kinderlos geblieben, auch befand sich das fürstliche Ehepaar in einem so hohen Alter, daß auf eine Nachfolge nicht mehr gerechnet werden durfte.