»Was sagst Du!« rief die Prinzessin, von freudigem Schreck durchbebt. »Bernhard ist hier, ist zurückgekehrt? Ich soll ihn sehen, seine Stimme wieder vernehmen? O, Aurelie, Aurelie!«
Von dieser beglückenden Aussicht überwunden, umschlang sie die Freundin leidenschaftlich und barg das Haupt an deren Busen.
Laut pochte ihr Herz; ein nervöses Beben ging durch ihren Körper, dessen Kraft der unverhofften, so beglückenden Mittheilung nicht gewachsen war.
Aurelie ließ einige Augenblicke vorübergehen, ehe sie antwortete; sie bedurfte selbst der Sammlung; alsdann entgegnete sie:
»Fasse Dich, fasse Dich, meine theure Sidonie! Ja, Bernhard ist zurückgekehrt, ist seit gestern Abend hier und wünscht Dich im Auftrage Deines Bruders, des Herzogs, zu sprechen und Dir ein Glückwunsch-Schreiben zu Deinem Geburtstage zu überreichen.«
»O, welch ein glücklicher Tag!« fiel Sidonie bewegt ein. »Kaum wage ich an seine Wirklichkeit zu glauben.«
»Ueberzeuge Dich selbst. Hier ist Bernhard’s Brief, den ich gestern am Abend empfing und in welchem er mir seine Anwesenheit und Sendung an Dich anzeigt und mich fragt, in welcher Weise er sich der letzteren entledigen soll.« »Gieb, gieb!« rief Sidonie, sich hastig aufrichtend, und nahm mit zitternden Händen das ihr dargereichte Schreiben. »Ja, ja, seine Schrift, ja, ja, seine Worte!« fuhr sie in jauchzendem Ton fort, den Brief mit zärtlichen Blicken betrachtend. »Nach Jahren, nach drei langen, langen Jahren das erste Lebenszeichen von dem Freunde! O, konnte mir der Himmel ein süßeres Geschenk an dem heutigen Tage gewähren?! Nein, o nein! Wie bin ich ihm dankbar für seine Güte, die mir ein Zeichen ist, daß er mein bekümmertes Herz nicht vergessen hat. Lies, lies die lieben Worte, Aurelie; ich vermag es nicht,« bat Sidonie und reichte den Brief der Freundin dar, den sie jedoch mit Aurelien gemeinschaftlich hielt und, während diese mit leiser Stimme las, jeden Satz mit den Blicken verfolgte und unhörbar nachsprach.
Der Brief war kurz und enthielt nur die bereits von Aurelien bezeichnete Mittheilung unter Beobachtung der üblichen Formen, indem er jede, auch die leiseste Beziehung auf das zwischen ihnen bestehende freundschaftliche Verhältniß ausschloß.
»Wie förmlich seine Worte sind und der Freundschaft zu Dir nicht gedenken!« bemerkte Sidonie, nachdem sie die Durchsicht des Schreibens beendet hatten.
»Bernhard konnte nicht anders, und ich lobe ihn seiner Vorsicht halber. Seine Worte sind mit großem Bedacht geschrieben, wie es die Verhältnisse bedingen. Er konnte nicht wissen, ob der Brief außer von mir nicht auch noch von anderen Personen gelesen würde, und zeigt sich daher in diesem Briefe lediglich als den Gesandten des Fürsten, in dessen Auftrag er erschienen ist,« gab Aurelie zu bedenken.