»Ich gebe Dir Recht; doch erwäge, daß Deine Verhältnisse ein solches Opfer erfordern.« —

»Und warum? Der Prinz kümmert sich nicht um mich; meine Verwandten ebenso; warum sollte daher irgend welche Gefahr für mich in dem Besitz des Medaillons liegen, nach welchem Niemand forschen wird und kann, da man, bis auf meinen Bruder, keine Ahnung von dem tiefen Interesse hat, das mich an Bernhard fesselt?« —

»Und dennoch rathe ich Dir dazu, ja ich bitte Dich, Sidonie, laß mir das Bild!«

»Wie sehr Du mich drängst!« fiel Sidonie mit Befremden ein. »Wie Du mich drängst, mich von dem theuern Bilde zu trennen, das mir in meinen finsteren Stunden Trost und das Hoffen auf ein glücklicheres Leben in die Seele lächelt, das mir, wenn ich in meinem Leid verzweifeln will, ermuthigend zuruft: nicht zu verzagen und zu bedenken, daß mir sein Herz in treuer, unwandelbarer Liebe schlägt, das nahe und fern mit mir leidet und lebt, und vielleicht mehr als ich leidet, mich als die Gemahlin eines ungeliebten Mannes zu wissen. Siehst Du, Aurelie, so spricht dies Bild zu mir, und so spreche ich zu ihm, wenn meine beunruhigte, gepeinigte Seele sich zu ihm flüchtet, und ich werde muthiger, ruhiger, und sein Anblick zaubert mir die schöne Vergangenheit der Jugend zurück, und ich plaudere mit ihm über sie und über uns, und alle Ereignisse, geringe und bedeutsame, ziehen an mir vorüber und lassen mich das Leid der Gegenwart wenigstens für kurze Zeit vergessen. Und Du willst mir diesen Trost nehmen, willst mich des einzigen Mittels berauben, mir das Leben erträglich zu machen, wenn sich meine Seele in dem Bewußtsein eines verfehlten, unheilvollen Lebens krümmt, und sich meine Jugend, mein sittliches Gefühl und die Ehre des tief verletzten Weibes gegen die aufgebürdete, entnervende Last empört und sie mit der ganzen Gewalt des pulsenden Lebens von sich abzuwälzen bestrebt ist?«

»In meiner reinen, verzichtenden Liebe finde ich meine Religion, die mein Herz veredelt und ihm durch diese Veredlung Trost und Muth verleiht. Darum, Freundin, laß mir das Bild, ich verspreche Dir, vorsichtiger zu sein und mich dessen nur in der sichersten Einsamkeit zu erfreuen.« Sidonie hatte mit so vieler Wärme und so tiefem Gefühl gesprochen, daß Niemand ihren sanften, bittenden Worten zu widerstehen vermocht hätte, und auch Aurelie empfand die tiefe Wirkung derselben auf ihr Herz. Die in ihren Augen schimmernden Thränen waren redende Zeugen davon; dennoch wies sie diese Empfindungen von sich ab und gab nur der warnenden Stimme der Vorsicht Gehör, und darum entgegnete sie, der Prinzessin Hand ergreifend und an die Brust drückend:

»Verkenne mich nicht, Geliebte, wenn ich trotz Deiner Worte dennoch auf meiner Bitte bestehen muß. Vielleicht wirst Du dereinst, vielleicht bald meine Beharrlichkeit gerechtfertigt und natürlich finden, wenn ich Dir sage, daß ich Dir für den Verlust des Bildes einen Ersatz versprechen darf —«

Sie hielt ein und schaute Sidonie lächelnd an, sich an der Ueberraschung derselben weidend.

»Du sprichst von einem Ersatz! Was meinst Du, Liebe?« fragte die Prinzessin erregt, Aurelie voll Spannung anblickend.

»Bemühe Dich, ruhig zu bleiben, denn eine angenehme Nachricht soll Dich überraschen, auf die Du nicht vorbereitet bist und die Dein Herz daher um so tiefer berühren wird,« fuhr Aurelie freundlich und mit bewegter Stimme fort.

»So sage mir, sage mir schnell, was Du mir Gutes mitzutheilen hast!« rief die Prinzessin in gesteigerter Erregung. »Ich denke, Liebste, Du erfüllst meine Bitte und gestattest mir die Aufbewahrung des Medaillons, wenn ich Dich dagegen durch das Original desselben entschädige« — — bemerkte Aurelie mit Nachdruck.