»O, wie beglückt es mich, daß Isabella nur mir gleicht und keinen seiner Züge trägt! Sieh nur, Aurelie, die Farbe und der Schnitt der Augen, die blonden Haare und der ganze Ausdruck des Gesichtchens, sind sie mir nicht abgestohlen?«
»Gewiß, gewiß, und je mehr sich Isabella entwickelt, um so lebhafter tritt diese Aehnlichkeit hervor,« beeilte sich Aurelie zu entgegnen, über Sidoniens ruhigere und angenehmere Stimmung erfreut. Die Prinzessin veranlaßte ihre Tochter, den Glückwunsch noch einigemal zu wiederholen, was auch mit ihrer und Aureliens Nachhilfe so ziemlich gelang und deren innige Freude erzeugte.
Isabella, dadurch angeregt, wurde lebhafter und begann mit der Prinzessin nach Kinderart zu tändeln, wobei es geschah, daß sie das Händchen in dem mütterlichen Busen barg und dabei das Medaillon entdeckte, das sie plötzlich hervorzog.
»Was thust Du?!« rief Sidonie erschreckt und beeilte sich, dem Kinde das Bild zu entziehen; ehe ihr dies jedoch gelang, ließ Isabella das Medaillon fallen, und Aurelie fing es auf und behielt es in der Hand. In diesem Augenblick trat die Wärterin des Kindes ein und näherte sich der Prinzessin, worauf Sidonie, nachdem sie Isabella geküßt, diese der Ersteren mit dem Bedeuten übergab, die Kleine in den Garten zu führen. Dies geschah, und die Frauen blieben allein.
Ein Blick hatte Aurelie genügt, das in dem Medaillon enthaltene männliche Portrait zu erkennen und sie in Folge dessen bestürzt gemacht; dennoch wußte sie ihre Bewegung der Wärterin zu verbergen; als sich diese entfernt hatte, bemerkte sie mit erregtem Ton:
»Welche Unvorsichtigkeit!«
»Zürne mir nicht, Aurelie, und bedenke, wie sehr sich mein Herz an dem heutigen Morgen nach dem Anblick des theuern, geliebten Freundes sehnte,« fiel Sidonie in leisem, bittenden Ton ein. »Wie könnte ich Dir zürnen, ich, die Dich über Alles liebt?! Doch ich beschwöre Dich, sei vorsichtig und bedenke, welche üble Folgen die Entdeckung dieses Bildes bei Dir nach sich ziehen kann! Zwar ist dem Prinzen Deine Liebe zu dem Jugendfreunde, sowie dieser selbst unbekannt, auch zeigte Albert bisher keine Eifersucht; dennoch können Umstände eintreten, die ihn mit dem Original dieses Portraits bekannt machen, und der verrathene Besitz des letzteren müßte alsdann zu gefährlichen Mißdeutungen Veranlassung geben!« —
»Ich will Dir nicht widersprechen, liebe Aurelie, da Deine Vorstellung viel Wahres enthält, das unter anderen Verhältnissen in der That die von Dir bezeichnete Bedeutung und Gefahr für mich mit sich führen könnte. Ich sage, unter anderen Verhältnissen; denn bei des Prinzen Abneigung und Gleichgiltigkeit gegen mich dürfte demselben eine solche Entdeckung kaum von irgend welchem Interesse sein.« —
»Man sollte dies voraussetzen, und dennoch werden wir oft durch die Entdeckung überrascht, daß dies nicht nur nicht der Fall ist, sondern die Selbstsucht und verletzte Eitelkeit eines solchen Mannes dadurch zur heftigsten Eifersucht herausgefordert werden, obgleich er durch die Lieblosigkeit und Vernachlässigung seiner Gattin sich ein jedes Anrecht auf ihre Liebe verscherzte. Dies, fürchte ich, dürfte auch bei dem eigenwilligen und heftigen Charakter des Prinzen zu erwarten sein, und so rathe ich, Du überlässest mir das Portrait, um einem solchen möglichen Fall vorzubeugen. Der Graf ist ja auch mein Freund, und der Besitz seines Portraits darf mir nicht verargt werden. Ich kann es Dir in jedem Augenblick einhändigen, theure Sidonie, und der Werth desselben dürfte sich für Dich nicht verringern, weil es die Hand der Freundschaft bewahrt und Du es aus dieser empfängst.« —
»Gewiß, gewiß, meine Gute, so ist es, und dennoch — — dennoch trenne ich mich so schwer von ihm. Du wirst mich verstehen. Unsere Empfindungen stimmen ja innig überein, und so bedarf es der Erinnerung nicht, daß der Liebe selbst eine wohlgemeinte Vermittlung der Freundschaft wie eine Verringerung ihres stillen Glücks erscheint,« fiel Sidonie ein.