Aurelie verneinte, und sichtlich erfreut fuhr die Prinzessin fort:
»Das ist gut, so werde ich ihn wahrscheinlich erst beim Empfang sehen und er wird mich in dem Genuß des schönen Morgens nicht stören. O könnte ich,« fuhr sie in tiefer Bewegung fort, »könnte ich mit der eiligen Schwalbe dahinziehen weit, weit über die Wälder und Berge fort in die Ferne zu anderen Menschen und Gegenden und dort in der Stille mein armes Leben ausleben! Sieh,« bemerkte sie nach einer kleinen Pause und deutete auf das Gesims draußen, »sieh, wie der Vogel dort sein Nest anklebt, ohne zu ahnen, welche Stätte er sich zu seinem Liebesleben gewählt, ohne zu ahnen, daß, während er in der Liebe und Sorge für die Seinen aufgeht, in den Mauern dieser Stätte Liebesglück und Menschenwürde mit Füßen getreten werden und die Selbstsucht allein das Scepter führt. Welch eine Erniedrigung der menschlichen Natur, von einem thierischen Geschöpf übertroffen zu werden! O, suche Keiner das Lebensglück dort, wo die Sorge ihren Fuß scheu von dem goldenen Prunk wendet, wo der Macht die Erfüllung der Wünsche gleich einer Sklavin folgt, um sie zu Lieblosigkeit und Ungerechtigkeit zu führen; wo die Ueberfülle den Ueberdruß zeugt und die edleren Gefühle des Menschen in dem Sumpf ekler Gemeinheit ertränkt! O, daß ich in diesen Kreis schnöder Selbstsucht, niederer Sittenlosigkeit gebannt wurde und sich der Himmel nicht meiner erbarmte und mir zugleich auch das Gefühl für das Bessere und Gute in der Seele zerstörte, um mit diesen Creaturen einzustimmen in den Hymnus ihres zügellosen Treibens! Aber sie sollen mich nicht herabziehen zu sich; ich habe gekämpft, und kämpfen will ich, um mich zu behaupten, so lange mir noch Kraft bleibt und Odem meine Brust belebt!«
Die Prinzessin hatte mit sich rasch steigernder Aufregung gesprochen, die so groß war, daß sich ihr Antlitz röthete, ihr Auge glänzte und ihre schlanke, hohe Gestalt voll Bewegung erschien. Von der Heftigkeit ihrer schmerzlichen Empfindungen fortgerissen, vergaß sie sogar die nöthige Vorsicht, mit gedämpfter Stimme zu sprechen, um nicht von unberufenen Ohren belauscht zu werden, und die nicht minder tief ergriffene Freundin vergaß es ebenso in ihrem innigen Mitleiden, sie auf den letzteren Umstand aufmerksam zu machen. Fast bedurfte es dessen jedoch kaum. Nur die treue Marion befand sich in der Nähe und konnte die nur zu gerechten Ausbrüche des Schmerzes und Unmuthes vernehmen, die sie nicht überraschten. Sie kannte das Unglück ihrer geliebten Prinzessin nur zu wohl, wie auch die Welt, die Sidonie mit warmem Herzen bemitleidete und den Prinzen verdammte, dessen Verhalten und wildes Treiben alles Unheil herbeigeführt hatte.
Was sich hier in der Familie eines Fürsten enthüllte, wiederholte sich in mancher geringeren Familie und forderte auch das geduldigste und anspruchsloseste Herz heraus. Es waren die natürlichsten und einfachsten Beziehungen zwischen Mann und Weib, und darum hielt sich ein Jeder zu der Theilnahme an diesen Vorgängen berechtigt, so Hoch als Niedrig, denn in den rein menschlichen Interessen vereinen sich nur zu leicht alle Stimmen. Uebersah Fräulein von Ketten in ihrem Mitleiden mit der Prinzessin auch die näher bezeichnete Vorsicht, so fühlte dagegen ihr treues, warmes Herz die Pflicht, die fürstliche Freundin zu trösten, vor Allem zu beruhigen, um sie für einen leicht möglichen Besuch des Prinzen, der wegen des heutigen Geburtstages der Prinzessin zu erwarten war, in die erforderliche Stimmung zu versetzen.
Aurelie kannte ihren Einfluß auf Sidonie, und darum schloß sie diese in die Arme und entgegnete mit bittender Stimme:
»Vergiß, vergiß, meine geliebte, theure Freundin, vergiß wenigstens für einige Stunden, was Dein armes Herz so tief bewegt! Der Prinz könnte leicht früher eintreffen, als wir vermuthen, Du besäßest alsdann nicht diejenige Ruhe, die ein Zusammentreffen mit ihm erfordert. Deine Seele ist so sehr erregt und würde nach einem Ausdruck ihrer Empfindungen verlangen, und die Folge davon wäre ein ähnliches übles Benehmen des Prinzen gegen Dich, wie Du es leider schon oft erfahren mußtest. Du kennst seinen Jähzorn namentlich in Momenten, in welchen er als Schuldiger vor Dir steht und ihn die Nöthigung peinigt, ein versöhnendes Wort vor Dir auszusprechen. Ein Vorwurf von Dir, so gerecht derselbe auch immerhin wäre, könnte daher leicht eine Unterredung zwischen Euch herbeiführen, die Dich zu dem gewöhnlichen Empfang des Fürsten und der übrigen Hof- und Staatspersonen unfähig macht. Dadurch würde der Fürst unangenehm berührt werden, Du weißt es, und die Welt fände darin überdies willkommenen Stoff, sich in Betrachtungen über Dein eheliches Zerwürfniß zu ergehen. Darum bemühe Dich zu vergessen, und ich hoffe, es wird Dir gelingen. Ich habe ein geeignetes Mittel dazu in der Nähe und Du wirst mir gestatten, es zu Dir zu führen.« — —
»Ja, ja, meine gute Aurelie, Dein treues Herz weiß, was mir dient. Geh’, geh’ und bringe mir meinen einzigen Trost, meine einzige Freude!« fiel die Prinzessin beruhigter, wenngleich noch im schmerzlichen Ton ein.
Aurelie beeilte sich, ihren Wunsch zu erfüllen, begab sich in eins der Nebengemächer und kehrte sehr bald mit einem lieblichen Mädchen von ungefähr zwei Jahren, dem treuen Ebenbilde der Prinzessin und deren Tochter, zurück und legte es in Sidoniens Arme. Diese herzte und küßte das Kind unter hervorbrechenden Thränen, während das Letztere ein paar französische Worte lallte, die Aurelie seinem Gedächtniß eingeprägt hatte und deren Bedeutung lautete: »Gott segne Mama!«
Aurelie hatte, wie sie zu ihrer Freude erkannte, das geeignetste Mittel zur Beruhigung ihrer fürstlichen Freundin erwählt, denn indem sich Sidonie mit ihrer Tochter beschäftigte, erheiterte sich ihr Antlitz, und die Freude an dem Antlitz ihres lieblichen Kindes verdrängte allmälig die Bitterkeit aus ihrem Herzen.
In dem Anschauen des Letzteren verloren, bemerkte sie mit freudiger Stimme: