Die glänzendste Aufnahme wurde dem herzoglichen Paar an dem fürstlichen Hofe zu Theil; ebenso war der Eindruck, den Sidonie auf den Fürsten und Prinzen hervorrief, ein durchaus vortheilhafter. Die Prinzessin erschien als ein schüchternes, anspruchsloses Mädchen; denn seit dem Entschluß, die Gemahlin des Prinzen zu werden, war eine wesentliche Umwandlung mit ihr vorgegangen. Die ehemalige Jugendheiterkeit und reizende Unbefangenheit, die Regsamkeit ihres Geistes und ihr lebhaftes Gefühl waren einer ruhigen Ergebung gewichen. Da sie ihr Geschick nicht zu ändern vermochte, waren auch alle das Herz belebenden Wünsche erstorben und sie nur noch ein schüchternes, befangenes Mädchen, von dessen geistigen und sittlichen Schätzen man nicht das Geringste ahnte.
Dies war namentlich in Bezug auf den Prinzen und dessen Oheim der Fall, die, wie wir gleichfalls erfahren haben, von Sidoniens eigentlichem Charakter und sittlichen Vorzügen keine richtige Vorstellung gewonnen und sie für das nahmen, als was sie erschien. Man würde sich jedoch in der Voraussetzung täuschen, daß sie dadurch unangenehm berührt worden wären; im Gegentheil erschien ihnen dieser Mangel hervorragender geistiger Befähigung und Sidoniens Anspruchslosigkeit als ganz besondere Vorzüge, die ihren Wünschen und dem Charakter des Prinzen durchaus entsprachen.
So erfolgte denn die Verlobung unter großem Gepränge, und die Freunde des Prinzen, welche den Festlichkeiten beiwohnten, wünschten diesem wegen der schönen und schüchternen Braut, die eine vernünftige, das heißt duldsame, Gemahlin erwarten ließ, von Herzen Glück. Sie vergaßen sich jedoch dabei selbst nicht; denn sie sagten sich, daß von einem so anspruchslosen Mädchen, wie Sidonie, im Hinblick auf ihren späteren möglichen Einfluß auf den Prinzen nichts zu befürchten wäre, und sie demnach mit Sicherheit auf dessen ungeschmälerten Umgang rechnen dürften. So schien man sowol im Besondern als Allgemeinen mit der Wahl der künftigen Fürstin sehr zufrieden gestellt zu sein.
Und die unglückliche Sidonie — Der von dem Herzog mit Bestimmtheit erwartete günstige Eindruck, den des Prinzen Persönlichkeit auf seine Tochter ausüben sollte, blieb aus, wie er bald zu bemerken Gelegenheit fand. Ja, er erkannte, daß, so wenig Interesse Sidonie für das Portrait des Prinzen gezeigt hatte, dies fast noch weniger für das Original selbst geschah. Pflichtete sie ihrem Vater auch bei, daß der Prinz in körperlicher Beziehung sehr bevorzugt sei, so verhehlte sie ihm auch zugleich nicht, daß der sinnliche Ausdruck seines Wesens sie doch von ihm abstieß, indem der Mangel edlerer Empfindungen, der sich darin äußerte, sie unangenehm, ja fast verletzend berührte. Mehr noch als dies Alles verletzte sie jedoch der mehr als freie Ton, in welchem er mit ihr verkehrte und der in des Fürsten Umgebung widerklang.
Der Herzog bemühte sich, sie in dieser Beziehung zu beruhigen, indem er den ungezwungenen Umgangston des Hofes als allgemein verbreitet bezeichnete, und sie aufmerksam machte, daß daher nicht der Prinz, sondern sie selbst die Ursache ihrer Verstimmung wäre. Er sprach zugleich die Erwartung aus, daß sie sich bald daran gewöhnen und Geschmack finden würde, indem er sie zugleich erinnerte, wie es nun ihre Pflicht sei, sich in das ihr allerdings neue Leben zu finden.
Sidonie nahm diese Vorstellungen schweigend hin; sie sagte sich, wie vergeblich es sein würde, ihren Vater zu überzeugen, wie wenig sie sich geneigt und befähigt dazu fühlte, und daß sie die von ihm bezeichnete Pflicht vielleicht niemals oder doch nur mit großer Ueberwindung würde erfüllen können. Was würden auch ihre Einwendungen den obwaltenden Verhältnissen gegenüber gefruchtet oder ihr irgend welche Vortheile verschafft haben? — Die Verlobung war erfolgt, die Vermählung innerhalb drei Monaten festgesetzt; der Schritt konnte also nicht mehr zurück gethan werden, und so erachtete sie es für das Ersprießlichste, dem Künftigen mit Geduld und schweigend entgegen zu gehen.
Wenngleich sie zu diesem Vorsatz gelangt war, so konnte es doch nicht ausbleiben, daß sie ihre Besorgnisse Aurelien, die sie nach dem fürstlichen Hof begleitet hatte, vertraute und mit ihr das im Lauf ihrer Anwesenheit daselbst Erfahrene besprach.
Fräulein von Ketten, deren feiner Sinn in ähnlicher Weise wie Sidoniens Zartgefühl von dem Leben am Hofe verletzt worden war, sah sich leider genöthigt, der Freundin beizupflichten, bemühte sich jedoch auch zugleich, sie in dieser Beziehung zu beruhigen und sie aufmerksam zu machen, daß sie als die Gemahlin des künftigen Thronerben ihre Wünsche und Neigungen würde geltend machen können, und daher die Gestaltung ihres künftigen Lebens in ihre Hand gegeben sei.
Dieser Voraussetzung pflichtete Sidonie um so leichter bei, da sie in dem beruhigenden Glauben lebte, daß dies ihr gutes Recht sei, welches sie dereinst auch zu beanspruchen gesonnen war.
Lag in diesem Gedanken eine wohlthuende Beruhigung für Sidonie, so hatte die erfahrenere und schärfer blickende Freundin doch nur zu bald erkannt, welcher zweifelhaften Zukunft Sidonie entgegen ging. Daß der Prinz weder Hochachtung noch eine zartere Neigung für die Letztere hegte, entging ihrem Blick nicht, und ebenso war sie mit der niederschlagenden Ueberzeugung erfüllt worden, daß ein Charakter wie der des Prinzen mit seinen Neigungen niemals oder kaum zu edleren Empfindungen für die Prinzessin geführt werden würde.