Daher sah sie, abgesehen von Sidoniens Verzicht auf ihre Liebe, mit Bangen in die Zukunft; machtlos, der Freundin Geschick zu ändern, blieb ihr nur das Gebet für das Wohl der Geliebten.
Sie war jedoch vorsichtig genug, Sidonien ihre Besorgniß zu verschweigen, um jede Unruhe von ihr fern zu halten und sie zu befähigen, dem Künftigen mit der erforderlichen Sammlung entgegen gehen zu können.
Sie fand einen besondern Trost in der Gewißheit ihrer Freundin auch in ihrer neuen Lage zur Seite stehen zu dürfen; denn auf den ausdrücklichen Wunsch der Prinzessin war dieser gestattet worden, Aurelie als eine ihrer Hofdamen an des Fürsten Hof mitbringen zu dürfen.
Nach einem fast vierzehntägigen Aufenthalt verließ der Herzog mit Sidonien den Hof und kehrte in seine Residenz zurück, und es begannen nun die zu der Ausstattung der Prinzessin erforderlichen Arbeiten, welche das herzogliche Paar ganz besonders in Anspruch nahmen.
Mit frohem Herzen begrüßte Sidonie die Heimath, die ihr im Hinblick auf ihr baldiges Scheiden doppelt theuer war und die ihr mit verdoppelten Reizen erschien, da sie dieselbe so lange hatte entbehren müssen. Tiefer denn jemals fühlte sie, daß ihr Platz im Leben nicht an einem rauschenden, durch Formenwesen und dem Zwang der Etikette belebten Hof sei, sondern in bescheideneren Verhältnissen, in welchen jedoch die Schönheit der Natur, eine edle Freiheit und die einfache Sprache der Wahrheit und des Herzens galt, über welche die Alles verklärende Liebe ihren glänzenden Schimmer ausbreitete.
Kaum in der Heimath angelangt, eilte sie mit Aurelien in den Garten, um sich der wieder gewonnenen Freiheit und des so beliebten Naturgenusses zu erfreuen. Sie sah sich jedoch in ihren frohen Erwartungen getäuscht; denn was dieser Umgebung früher einen so kostbaren Reiz verliehen hatte, fehlte ja: das Glück der Liebe.
Anders erschien ihr das Bekannte, Beliebte; anders erschien sie sich selbst; verändert däuchte ihr das ganze Leben.
Und so tönte kein freudiges Wort von ihren Lippen, als sie wie einst den Garten durchschritt; traurig und stumm saß sie am Weiher nur kurze Zeit, um, von innerer Unruhe getrieben, weiter zu eilen, in den Wald, auf den Hügel, auf welchem sie einst mit ihm der Sonne Scheiden stumm und schmerzvoll an dem feuchten Auge vorüber gleiten sah.
Und sie seufzte still vor sich hin: »Dahin, dahin, auf immer dahin!«
Länger denn eine Woche war nach ihrer Rückkehr verstrichen, ohne daß der Graf erschien, wie sie das erwartet hatte, und mit jedem neuen Tage steigerte sich ihre Sehnsucht, ihn endlich nach so langer, langer Zeit wieder zu sehen, ohne daß dieselbe jedoch befriedigt wurde. Des Grafen Fernhalten betrübte sie tief, mehr jedoch noch die Ungewißheit, in welcher sie über sein Leben schwebte. Allerlei beängstigende Sorgen quälten sie und raubten ihr die so nothwendige Ruhe, so daß sie darunter körperlich litt. Schon öfter hatte sie Aurelie gebeten, sich um Nachricht über den Grafen zu bemühen, ohne daß diese mehr zu thun vermochte, als bei des Letzteren Bekannten Erkundigungen nach ihm einzuziehen, die Sidonie nicht zu befriedigen vermochten.